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Im deutschen Reich · 1915-05-01 · Heft 5-7 (Mai 1915) · p. 113

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 5-7 (Mai 1915)
Article
Juden als Träger deutscher Kultur im neunzehnten Jahrhundert
Date
1915-05-01
Page
113 (sequence 4)
Language
German
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Juden als Träger deutscher Kultur im 19. Jahrhundert. 113 dieser trockene Denker geradezu geblendet von der Selbständigkeit der Denkweise/ die. sich in den von Maimon über seine! Schriften gemachten Bemerkungen kundtut, diesem polnischen Talmudjünger, der sich kühn, wo es sein muß, sogar als sein Gegner zeigt, geradezu enthusiastisches Lob spendet. „Und vielleicht", sagt Guttmann, „vermag erst das in unfern Tagen neubegründete Verständnis der Kantischen Philosophie deutlich zu machen, mit welch' kongenialem Geist Maimon die Kantischen Probleme erfaßt hat." Sollte es bloßer Zufall oder sollte es in tiefer Wesensgleichheit begründet sein, daß der größte Klassiker der deutschen Philosophie in Entzücken gerät über das tief eindringende Verständnis, das er bei einem Salomon Maimon findet, während der größte Klassiker der deutschen Literatur, Goethe, fast gleichzeitig über Maimons weiblichen Gegenpart, über Rahel Levin urteilt: „Ja, es ist ein Mädchen von außerordentlichem Verstand, die immer denkt, und von Empfindungen — wo findet man das? Es ist etwas Seltenes*)." Wer will diese Frage ohne tiefgründige Untersuchung beantworten? Aber die Tatsache steht fest: Niemand hat Goethe, als er schon auf seiner Höhe stand, so würdigen, so verstehen können wie sie. „Ihre Bedeurung liegt", so schreibt der kürzlich verstorbene Literaturhistoriker Rich. M. Meyer in seinem Werke: „Die deutsche Literatur des neunzehnten Jahrhunderts", „in der ganz einzigartigen Selbständigkeit, mir der sie jedem Phänomen gegenübertritt. Es gibt für sie gar keine Tradition: sie sieht und hört alles i'a diesem Augenblick zum ersten Male m\h deshalb auch mit einer Kraft des Eindrucks, die andern versagt ist. Wir haben alle Goethes Gedicht an Friederiken gelesen, mit der er ihr ein seidenes Band übersandte, und wir haben uns alle der lieblichen Verse gefreut. Rahel aber, da sie es liest, empfindet es, als habe Goethe es ihr selbst gesandt; sie fühlt sich ganz..in die Situation hinein. „Nein, so muß man nicht schreiben! Er nicht! Sie fühlt, als sei es eben geschehen, welche Verantwortung der Dichter mit diesen Worten auf sich nimmt, was Friederike empfinden muß, wenn das Band, das sie verbindet, hoch nur ein leichtes Rosenband war, unb sie muß laut aufschreien beim Lesen." Ja, sie erlebt Goethe, wie sie sich ausdrückt, als ihr „Ich", sie lernt von ihm die Dinge unmittelbar anschau en, nüe sie sind. Durch Hebung der Sinne wollte Goethe ja erzwingen, daß nichts ihn: mehr Tradition und Name sei, alles anschanende Erkenntnis. „O gesegnet, tausendmal gesegnet, liebe Sinne", ruft seine Schülerin, die Wahrheitsfanatikerin Rahel aus, und sie weist die jungen Romantiker, die bei ihr Verkehren, auf Goethe als ihren größtem: Meister hin. „Ja, sie war es Badt, „Rahel und ihre Zeit".

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