Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1915-05-01 · Heft 5-7 (Mai 1915) · p. 107

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 5-7 (Mai 1915)
Article
Polnische Juden
Date
1915-05-01
Page
107 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316851-2316854-2349732--25434-2349835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kölnische Juden. 107 Spielzeug das Schicksal ihn erniedrigt hat und warum er so geworden -ist, wie er uns erscheint. Wir dürfen aber keineswegs schließen, ohne euren Blick auf die reichen positiven Kräfte zu werfen, die in ihm der Erlösung und der Verwendung harren, die es ihm ermöglichen, auch unter so widernatürlichen Bedingungen ein auf vielen Gebieten gesundes Kulturleben zu führen. Der elende polnische Jude ist erfüllt vou einem unzerstörbaren. fast wunderbaren Idealismus. Mit rührender Treue hängt er an seinem G landen, dem er unsagbare. Opfer bringt, für den er selbst den Tod erleidet. Wie für die soziale Frage eure individuelle Lösung durch Raub und Diebstahl vorhanden ist, so gibt es für die Juden frage eine solche durch die Taufe! Aber wie unendlich wenige im Verhältnis zur ungeheuren Gesamtmenge sind jenseits der Grenze trotz aller Bedrückung diesen Weg gegangen. And besonders, bemerkenswert ist es, daß diese Seelengröhe bis in die allerjüngsten Tage auch in intellektuellen Kreisen zu finden war, daß auch dort der gleiche Idealismus und die gleiche Tapferkeit geherrscht haben, wo man innerlich sichhäufig mit dem jüdischen Glauben nicht mehr so fest verbunden fühlte. -Auch ßn der Achtung vor Wissen und Wissenschaft, von der bereits die Rede war, kommt dieser Idealismus Zum Ausdruck. Die religiöse, wissenschaftliche Arbeit des Judentums in traditionellem Sinne wird heute noch im wesentlichen von dev. Juden Polens geleistet, und es sei hervorgehoben, daß die hohe Intelligenz, welche auch der Judenfeind an ihnen anerkennt, im wesentlichen der gründlichen Beschäftigung mit dem talmuldischen Schrifttum zu danken ist, das unzweifelhaft eine vorzügliche Schule des logischen Denkens darstellt. And wenn auch die neueste Z eit, besonders in den Industriestädten einen sichtlichen Rückgang des Studiums gebracht hat, kann man doch behaupten, daß Lernen und religiöses Wissen noch immer ein Gemeingut aller Schichten bilden. Wo gäbe es aber in der Weltgeschichte sonst noch ein Beispiel für eine Gemeinschaft, die in so drückender politischer und wirtschaftlicher Rot lebt und trotzdem in den großen Massen des Volkes die Kraft und das Interesse bewahrt hat, die oft sehr abstrakten Probleme der Religion zn erforschen und zu meistern? Es verbindet sich in diesen polnischen Inden mit ihrem Idealismus eben auch eine lebensfreudige Zähigkeit und eine Energie, die sich heute in oft recht unfruchtbaren abstrakten Streitigkeiten erschöpft, die sich aber in kulturfördernde Arbeit umsetzt, sobald der Jude den Hexenkessel Polens verlassen kann. So leben die Juden des Ostens ein Doppelleben. Aeußerlich sind sie elend und. arm, undim Innern tragen sie den Schatz eines lebendigen, idealen Strebens. Ihr Leib ist mit häßlichen Fetzen behängt, ihr Antlitz ist bekümmert und verzerrt, aber ihr Herz ist mutig, und ihre Seele ist erfüllt von Kraft und Zukunftshoffen. And der Deutsche, der sie versteht, wird nicht nur aus rein menschlichen Gründen ihnen Mitleid entgegenbringen, sondern er wird auf diese Zukunftshoffnungen merken! Mit welch tiefer Inbrunst schauen sie doch auf Deutschland als den Erlöser, nicht weil sie etwa Wohltaten erwarten, sondern Gerechtigkeit und freie Bahn für die Verwertung ihrer Fähigkeiten! Wie unendlich groß ist ihre Herzensangst, daß der Freiheitstraum verfliegen könnte und daß sie jemals wieder in die alte Knechtschaft und unter die Herrschaft der Barbarei zurückfallen müßten. Das ist vielleicht das Schönste und Größte in ihren Seelen, daß das Anglück sie nicht vernichtet hat, daß sie nicht stumpf ihr Schicksal ertragen, sondern daß sie noch hoffen können, und ein fühlender Mensch von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.