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Im deutschen Reich · 1915-05-01 · Heft 5-7 (Mai 1915) · p. 106

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 5-7 (Mai 1915)
Article
Polnische Juden
Date
1915-05-01
Page
106 (sequence 6)
Language
German
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106 Im deutschen Reich. Sittlichkeit zu finden sind. Sobald man jedoch in die gedrückte Seele des polnischen Juden einen Blick getan hat, sobald man seine Bildungstragödie und sein Wirtschaftliches Leid erfaßt hat, wird es einem selber unendlich töricht erscheinen, den Maßstab des Westens an die hygienischen Verhältnisse des Ostjuden zu legen und verachtungsvoll von dem unendlichen Schmutz bei ihnen zu reden. Es wird dazu noch einerseits übersehen, daß die russische Regierung es ihrer Verelendungspolitik gemäß an jedem Versuche zur Hebung nach dieser Richtung hin fehlen läßt, andererseits aber auch, daß der Jude trotz seiner wenig empfehlenswerten Zustände noch himmelhoch über dem Polen aus der gleichen Bildungs- und Wirtschaftsschicht steht. Das polnische Proletariat ist noch tausendmal schmutziger als das jüdische, und in besseren Schichten ist der Anterschied ganz frappant! Die hygienische!: Ansichten und Einrichtungen in den Häusern der bessergestellten Juden sind geradezu ideal denen gegenüberwelche man in polnischen Adelsschlössirn findet, und in Wahrheit müßte man sich nicht über den schmutz erregen, sondern über die relative Sauberkeit wundern. Am allermeisten Spott ergießt sich aber bei unfern Kriegerscharen über dasjenige, wofür sie eigentlich dem Schicksal sehr dankbar sein müßten, nämlich über die e i g e n t ü m l i che deutsche S p r a ch e der Juden. Es ist wirklich in höchstem Grade undankbar, wenn man diese Mundart, die doch die Verständigung der Landeskinder mit unseren Kriegern und damit den Fortschritt Unserer Armeen wesentlich erleichtert, schilt und sich über das „Gemauschel" und den „Jargon" lustig macht. Aber es ist auch recht unbedachr und töricht! Denn es kann jedem Deutschen, besonders allen jenen, die antisemitischen Reigungen nicht fern stehen, nicht eindringlich und oft genug wiederholt werden, daß die Kultur dieser Juden altes, deutsches Gut ist, daß sie in Sprache, Kleidung und Sitten sorgfältig und in rührender Treue bewahrt haben, was sie aus ihrer deutschen Heimat einst vor mehr als einem halben Jahrtausend auf ihrer Flucht Mitnahmen. Es kann nicht genug betont werden, daß der Jargon bis auf einzelne in das mittelhochdeutsHe Idiom eingedrungene hebräische oder slawische Worte keine verdorbene Mischsprache ist, sondern ein echter deutscher Dialekt, den die Juden im Mittelalter in Deutschland sprachen, dessen sich der deutsche Sprachstamm auch heute keinesfalls zu schämen braucht, da er eine große Literatur von bleibendem Werte hervorgebracht hat. Es ist psychologisch sehr Merkwürdig aber bezeichnend, daß man in Deutschland sonst vor allen Seltsamkeiten und Eigentümlichkeiten der Fremde bewundernd steht und' sie zum mindesten als nationale, unantastbare Eharakterzüge, wenn nicht als Zeichen höherer Kultur betrachtet, die fast als heilig gelten. Rur bei der Iudenheit ist es anders, auch wenn sie mit konservativem Geiste ein Stück der eigenen deutschen Vergangenheit Aren und fast unberührt erhalten' und in die moderne Zeit hinüb er gerettet hat! Dasjenige zu verlachenwas man nicht versteht, ist ein Zeichen, von Anbildung! Für jeden gebildeten Menschen sollte es selbstverständlich sein, daß er auch den polnischen Juden zu verstehen sucht, bevor er urteilt. And wenn ihm das wirklich gelungen ist, werben ihm Lachen, Spott und Verachtung sicherlich vergehen. An ihre Stelle wird Mitleid treten, unendliches Mitleid, das sich aber in Achtung verwandelt, sobald man die Kraft verspürtdie trotz alles Elends und Anglücks im Ostjuden steckt. Wir haben bisher zu verstehen gesucht, zu welcher Mächte willenlosem

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