Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1915)
- Article
- Polnische Juden
- Date
- 1915-05-01
- Page
- 104 (sequence 4)
- Language
- German
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104 Fm deutschen Reich. Juden oder gar über ihren betrügerischen Seist sich zu entrüsten und zu spotten. Man muß aber die armen Menschen kennen, die von einer Bedürfnislosigkeit 'sondergleichen sind und die doch nicht einmal die Möglichkeit haben, die -bescheidensten Ansprüche zu befriedigen, die immer auf der Lauer liegen müssen, um den kleinsten (Verdienst zu erhaschen, wenn sie nicht mit Frau und Kindern 'verhungern wollen. Es ist leicht, verächtlich den Geschäftsgeist von Menschen herabzusetzen, die mit großen Familien von armseligen Kopeken leben müssen und sich keine, aber auch keinen von den kleinen, billigen Genüssen gönnen können, die unseren großen Volksschichten selbstverständlich sind. Die Aeberschätzung des Geldes, welche durch das politische Vestechunssystem großgezogen ist, wird durch den wirtschaftlichen Druck natürlich gesteigert. Aber sie ist nicht nur erklärlich, sondern auch verzeihlich, wenn das drohende Gespenst des Hungers und der Obdachlosigkeit dahinter steht. Man geht kaum fehl, wenn man die Anzahl der Anterstützungsbedürftigen und der etwas Glücklicheren, die gewiß noch kein gesichertes Dasein haben, aber doch wenigstens durch ihren Verdienst von der Hand in den Munv leben, der - sogenannten „Luftmenschen", auf mehr als drei Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung veranschlagt. And weil diese Massen schon zu Friedenszeiten ein wirtschaftlich ungesundes und erbärmliches Leben führen, hat der Krieg Zustände geschaffen, für die das Wort „Katastrophe" noch viel zu milde ist. Es wäre freilich ungerecht, wollte man für das unbeschreibliche jüdische Elend einzig und allein die russische Politik verantwortlich machen. Es liegen daneben andere volkswirtschaftliche Gründe vor, die auch in verschiedenen anderen Ländern im Leben der jüdischen Bevölkerungsteile eine große Rolle spielen. Früher lag der Handel der Polen nur in den Händen der Juden, die den eigentlichen Mittelstand bildeten. Jetzt aber, seitdem die Polen selber sich dieser Wirtschaftsform angepaßt haben, werden die Juden liberflüssig, und polnischer Antisemitismus wie Boykott — in den letzten Jahren trat beides sehr schroff hervor — sind die bedauerlichen Folgen, die das Elend noch erhöhen. Welches aber auch immer die Gründe sein mögen, die Tatsachen sind da und reden eine . furchbarte Sprache. And die Rot, die entsetzliche Rot, an der die Juden keine Schuld tragen, ist die Arsache der ineisten m o r a - lis chen Schäden, wobei immer wieder betont sei, wie man es nur bewundern kann, daß die Demoralisation nicht noch weit tiefer eingerissen ist. Am deutlichsten erhellt das Trostlose der jüdischen Lage aus den Maßregeln, die von der russischen Regierung gegen alle B i l - d^u ng § bestrebu n g e n ausgeheckt worden 'sind. An den höheren schulen und Aniversitäten werden überall Juden nur in einer Prozentnorm ausgenommen, die einen blutigen Hohn auf ihre wirkliche Bevölkerungszahl darstellt. Richt nur im Inlande wird zudem jede Gelegenheit erschwert, Bildung zu erwerben, auch die Verwendungsmöglichkeit des im Auslande erworbenen Wissens wird immer mehr eingeschränkt. Das Volk soll eben mit Gewalt auf den aussichtslosen Hausierhandel und ähnliche Proletariergewerbe hingedrängt und geistig ebenso elend gemacht werden, wie es politisch und wirtschaftlich bereits der Fall ist. Durch die Presse des Westens, die sonst leider so wenig Verständnis und Interesse für die Ostjudenfrage beweist, ging jüngst eine Rotiz, welche das Grausame dieser Zustände grell beleuchtete. Jüdische Mädchen, die an einer russischen Anioersität studieren wollen, müssen ihren Bildungsdrang mit der Schande erkaufen, müssen den „gelben