Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1915)
- Article
- Polnische Juden
- Date
- 1915-05-01
- Page
- 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316851-2316854-2349732--25430-2349831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Polnische Juden. 103 Wie die Aufenthalt s erlauön is in verbotenen Gebieten, jedes Papier, jeder Paß, überhaupt jedes Recht kann und muß dann schließlich auch erkauft werden. Die vielen einschränkenden Gesetze werden häufig nur geschaffen, um den Juden gegenüber neue Ansbeutungsmöglichkeiten zu erfinden, und sie werden auf diese Weise von der russischen Regierung systematisch zur Bestechung erzogen, zu derw Gedanken, daß Reichtum das erstrebenswerteste Lebensgut sei. Sa kommt der .Vorwurf heraus, daß der Jude Polens kein anderes Ideal habe als den Erwerb! Wer aber die Moral der Juden beurteilen will, darf nicht — wie es meistens geschieht — falsche Vergleiche anstellen. Man muß an Hie Gesinnungen und Handlungen der Juden einzig nnb allein den Maßstab ihrer polnischen und russischen Landsleute aulegen, und da fällt die Gegenüberstellung gewiß nicht zu ihren Angunsten aus. Es ist in Wahrheit nicht zu verdammen, daß sie so sehr verdorben sind, sondern zu bewundern, daß sie sich noch immer so viel sittliche Kraft bewahrt haben! And wenn die ewig Geschlagenen und Unterdrückten, die den Fluch der Rechtsunsicherheit tagtäglich aufs neue erfahre:;, die trotz aller Bestechungen stets um Leben und Gut bangen müssen, oft ein scheues, linkisches und unbeholfenes Wesen aufweisen, wenn die ständige Furcht ihnen eine inechtselige Haltung aufgezwungen, hat, so wird ein einsichtiger? Beurteiler niemals behauchten, daß sie selber die Schuld tragen, oder daß der Fehler gar in ihrem Wesen begründet sei. Diesen würdelosen politischen Zuständen entsprechen natürlich die w i r t s ch> a f t l i ch e n V e r h ä l t n i s s e, und das Elend Polens läßt schon keine Steigerung mehr zu. Zusammengedrängt in das? Ansiedlungsgebiet fehlt den Juden jede Möglichkeit, ihre geistigen Gaben und 'körperlichen Fähigkeiten Zweckentsprechend zu verwerten. Ihre erzwungene Berufsschichtung bewirkt, daß in dem engen MederlassungsgebieL für bestimmte Erwerbszweige ein.ungeheures Angebot von Kräften vorhanden ist, die das Wirtschaftsleben gar nicht unterbringen und beschäftigen kann. Die Anzahl der Händler und Handwerker übersteigt alle Grenzen. So sinken mechanische die Löhne, und die große Masse Her erwerbslosen Proletarier muß von den 'wenigen mit unterhalten werden, die wenigstens geringen? Verdienst haben. Auswanderung nach anderen Teilen Rußlands ist ja gesetzlich wenigstens den Handwerkern unter bestimmten Bedingungen gestattet, aber die Verwaltungspraris weiß stets Hemmnisse aller Art zu schaffen. Daß ländlicher Grunderwerb verboten ist, daß -die Schankgerechtigkeiten durch' Has Staatsmonopol fast aufgehoben sind, vermehrt noch den Druck, und jeden Tag werden neue Verordnungen erlassen, welche dm Erwerbsmöglichkeiten emschränken und den Verfall beschleunigen. Einem weitoerbreitetew Irrtum, der auch einen ernsten Vorwurf in sich schließt, sei noch an dieser Stelle entgegengetreten. Die Anzahl der jüdischen Kaufleute! und Händler ist gewiß sehr groß, aber die Gründe liegen keineswegs darin, wie antisemitische und oberflächliche Kritiker meist vermeinen, daß der Jude des Ostens eine Abneigung gegen andere Berufe habe, besonders gegen > solche, die große körperliche Anstrengung erfordern. Denn der Augenschein bestätigt, daß in den polnischen Städten Juden in erheblichen Mengen in jedem, auch dem schwersten Berufe <zu finden sind, wnd die Zahl jüdischer Fabrikarbeiter insbesondere ist so groß, Haß sie bekanntlich ihre eigene machtvolle politische .Organisation besitzen. Es ist üun ganz gewiß leicht füv den Westeuropäer, der in geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen ruhig dahinlebt, über? den ausgeprägten Geschäftssinn und die Gerissenheit polnischer