Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1915)
- Article
- Polnische Juden
- Date
- 1915-05-01
- Page
- 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316851-2316854-2349732--25429-2349830- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
102 Im deutschen No ich. Sarkasmus über ihren Schmutz, über ihre Betrügereien, über ihre Aufdringlichkeit, über ihren Hang zur Spionage, über die sittlichen Verhältnisse jüdischer Frauen und Mädchen, über ihre häßliche und lächerliche Sprache, über ihre Tracht und was sonst noch der Bespöttelung und der 'Entrüstung wert erscheint. Wir fühlen üns nun keinesfalls als berufene Sachwalter unserer polnischen Glaubensgenosserr, die sie gegen jeden Verdacht einer bösen Handlung in Schutz zu nehmen hätten. Wir fühlen weder die Pflicht, noch das Bedürfnis,.jeden polnischen Juden von den Anklagen rein zu waschen, die wider ihn erhoben werden. Wir sind nicht einmal gesonnen, zu bestreiten, daß in Einzelfällen vieles von den oben angeführten Vorwürfen keineswegs unberechtigt sein mag. Aach einer Richtung aber wollen wir uns für sie aufwerfen, wenn wir uns -ein wenig mit den Anschuldigungen befassen, die gegen ihre Gesamtheit gerichtet werden. Wir wenden uns mit diesen Ausführungen ganz gewiß nicht an jene, die in der Darstellung der trüben Zustände bei den Juden Polens ein Ventil erblicken, um ihrem Judenhasse Lust zu machen und auf einem Amwege den deutschen Juden zu schaden. Wer in der Entrüstung über die! polnischen Juden in der deutlich wahrnehmbaren Absicht schwelgt, d^e u t sch. e Juden mit ihren polnischen Glaubensgenossen auf eine ^rufe zu stellen, und ihnen demgemäß .auf einem Amwege alles nur erdenkliche Böse anzudichten, den werden wir sicherlich nicht überzeugen. Aber an jene vielen. Wenden wir uns, bei denen ein Aufruf an Verstand und Gere cht i g k e i t s g.e f ü h l nicht umsonst zu sein verspricht, an jene, die zwar oberflächlich und gedankenlos ihre Arteile über Juden und Judentum aussprechen, ohne lange nachzudenken und ohne ihre Tragweite zu erfassen, die aber keineswegs voreingenommen und aus schlechter Absicht handeln- und darum belehrbar sind. Für sie wollen wir die Vergangenheit und die gegenwärtige Lage dieser! Judenmassen beleuchten. Ihnen wollen wir klar zu machen versuchenwas polnische Juden sind, und. wie sie das geworden sind, als was sie heute erscheinen. Denn wer ihre Tragödie verstanden hat, wird eine ganz andere Meinung — urü) gewiß keine schlechtere — von ihnen bekommen. Keiner von den vielen Tausenden oberflächlicher Beurteiler weiß ja zunächst einmal etwas von der unendlich traurigen Geschichte dieser Stiefkinder des Glücks! Seit Jahrtausenden reiht sich eine Anterdrückung an die andere, eine ewige, eiserne Kette, die sich immer fester um; den schmerzenden Körper schlingt. Verfolgung erweckt gewiß' die beste innerste Kraft und macht stark, aber nur bis zu einem gewissen Grade. Wird der Druck zu groß, so erlahmt der Widerstand, und es tritt mit der Verzweiflung Schwäche und Verfall ein. Schon der Aufenthalt in Polen selber ist die Folge der Bedrückung, der furchtbaren Judenverfolgungen des vierzehnten Jahrhunderts in Deutschland, die den traurigen Zug nach dem Osten zur Folge hatten. Die erste Arsache ihres Furückströmens in das alte Vaterland waren wieder die greulichen Kosakenverfolgungen Chmielnickis im siebzehnten Jahrhundert, und Druck, Verfolgung, Ansicherheit mxb Rechtlosigkeit sind seitdem das Kennzeichen ihrer Lage geblieben. Man muß das schamlose russische System der Erpressung und Ausbeutung kennen, man muß seinen demoralisierenden und zerrüttenden Einfluß aus die Menschenseele begreifen, um zu wissen, wie der Jude Polens seelisch und moralisch immerwährend den stärksten Angriffen und Anfechtungen ausgeseht ist, denen schließlich auch die größte Widerstandskraft erliegt. Alles ist dort für Geld zu Hatzendie .Befreiung vom Militärdienst ebenst