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Im deutschen Reich · 1915-05-01 · Heft 5-7 (Mai 1915) · p. 99

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 5-7 (Mai 1915)
Article
Das tägliche Brot
Date
1915-05-01
Page
99 (sequence 3)
Language
German
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Anser täglich Brot. 99 zu versHwenden, für das unser Heer Leben und Gesundheit eingesetzt hat in beispielloser Hingebung. And von dem zugleich die Zukunft Deutschlands abhängt. Dieser Krieg wird ja nicht nur mit den Waffen ausgekämpft, sondern unsere Feinde rufen zu ihren vielen Bundesgenossen auch den Hunger herbei! Dieser soll vollenden, was ihren Gewehren und Kanonen nicht gelingt. Darum ist jedes Stück Brot für uns heute so wichtig, wie ein Geschoß, und wer es umkommen läßt oder im Aebermaß verzehrt, schädigt das Vaterland so schwer, wie jener, der Waffen vernichtet. Jedes ersparte Pfund Mehl stärkt unsere Kraft, und jeder verschwendete Bissen schwächt sie. Essen und Trinken Waren im Frieden die eigenste Angelegenheit des einzelnen. Er konnte höchstens durch schlechte ^Ranieren gegen den guten Ton oder durch Unvernunft gegen die Forderungen der Gesundheit verstoßen, und dann trug er selben ganz allein den Schaden. Heute aber sst aus dieser ehemaligen Privatsache eine Lebensfrage für das ganze Volk geworden. Unser aller Zukunft hängt davon gb, was wir essen und wie wir es essen, und sie ist gerettet, wenn erst einmal alle Deutschen so fromm und so vornehm denken, wie einst im Lager von Bethlehem der große Kriegsmann. Für den Juden hat dieser Gedankengang nichts Aeberraschendes. Das ist ja eine Grundvoraussetzung des Judentums, der enge Zusammenhang zwischen Wahrung und Religion, Nahrung und Sittlichkeit. Das Raubtier verschlingt seinen Fraß, der Mensch genießt seine Speise. Der Stoff ist der gleiche. Dasselbe Fleisch, zum Teil auch dieselbe Pflanze, dient dem Menschen und dem Tiere. Aber die Seele schafft den Unterschied. Das Tier folgt bloß seiner Gier und läßt sich willenlos von seinem Hunger treiben. Der Mensch aber zeigt gerade beim Essen, daß er über sich selber Herr ist, und übt vor allem angesichts der Nahrung jene Kraft, die ihn erst zum Menschen macht, die Selbstbeherrschung. Mäßigkeit, Scham, Rücksicht, gute Sitte kann er am gedeckten Tische bekunden, und jede Mahlzeit wird ihm eine Gelegenheit zur Entfaltung sittlicher Kräfte. Nicht umsonst fordert die Religion das Fasten, die freiwillige Aebung im Entbehren, den Nachweis, daß wir nicht dem Magen und nicht dem Gaumen gehorchen, sondern der Vernunft und dem Willen. Ein Segensspruch soll das Mahl einleiten und beschließen, denn gottgebotene Pflichten herrschen auch an unserem Tische. Das Gesetz der Religion, das Gebot des Vaterlandes, die Förderung der Klugheit, gehen auch in diesen Tagen Hand in Hand. Die Selbstbeherrschung, die von Gott geforderte Mäßigung im Genuß, wird heute zum Patriotismus, und an unserem (Tische, vor dem täglichen Brot, können wir ebenso unsere Frömmigkeit wie unsere Liebe zum Vaterland beweisen.

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