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Im deutschen Reich · 1915-05-01 · Heft 5-7 (Mai 1915) · p. 100

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 5-7 (Mai 1915)
Article
Das tägliche Brot
Date
1915-05-01
Page
100 (sequence 4)
Language
German
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100 Fm deutschen Reich. Diese Pflichten sind jedem bekannt und werden dennoch von vielen in den Wind geschlagen. Denn ihre Erfüllung ist vor idttem Sache des Willens, erst in zweiter Reihe Sache des Wissens. Aus Gedankenlosigkeit, aus Leichtsinn, aus Gleichgültigkeit verletzen viele die einfache, klare, naheliegende Pflicht. Auch Heute noch liegen in jedem Schulzimmer Reste und Rinden von Brot. Kaum war der Verkauf von frischgebackenem Weißbrot verboten, da wurden auch gleich Vorrichtungen angepriesen und gekauft, um altbackenes Brot zu rösten und doppelt schmackhaft zu machen, und gewissenlose Menschen trösten sich damit, daß sie für das gewohnte und nun fehlende Gebäck jetzt Kuchen essen können. Wo der Bürger töricht ist, muß der Staat für ihn denken. So war es in alter Zeit und so ist es heute. Als in Aegypten die Hungersnot drohte, legte Joseph Beschlag auf alle Getreide- Vorräte. Die Fellachen wurden vom Hungerstod gerettet, aber sie bezahlten ihr Leben mit dem Verluste von Freiheit und Eigentum. Auch bei uns haben die eindringlichen Mahnungen, die stets wiederholten Warnungen, wenig gefruchtet. Zu scharfen und immer schärferen Maßregeln mußte der Staat greifen, und es ist kein Ruhm für das Volk, daß es mit Zwang und Gewalt auf den rechten Weg geführt werden muß, den es längst freiwillig hätte betreten sollen. Die Männer des Staates, des Heeres und der Wirtschaft haben uns eindringlich gezeigt, wie das Wohl des Vaterlandes davon abhängt, daß wir unsere Pflicht gegenüber dem Brote erfüllen. Die Religion stellt uns das gleiche Ziel. Rur entsagend findet der Mensch den Weg zu Gott. Das oberste Gebot des Judentums, das alle anderen in sich schließt, fordert: „Heilig sollt Ihr werden, denn heilig bin ich, der Ewige, Euer Gott." Die alten Geschlechter haben das so wiedergegeben: „Ihr müßt enthaltsam werden." Rur durch Opfer dienen wir Gott. Die Form dieser Opfer mag wechseln, das Opfer selber bleibt. And wie klein ist es! Wir werden nicht Hunger leiden, wenn wir unserer Freude an Speise und Trank freiwillig Schranken setzen; denn aus Gewohnheit und ohne Aeberlegung genießt jeder mehr, als die Erhaltung des Lebens fordert, und unsere Soldaten haben weniger als wir. Darum wollen wir vor dem Brote Ehrfurcht empfinden und dieses Gefühl in lebendiger, entschlossener Selbstzucht zur tatkräftigen Wirklichkeit werden lassen. Dann können wir unseren Soldaten so ruhig ins Auge sehen, wie König David den Männern, die sich für ihn hatten opfern wollen, dann, brauchen wir uns am kommenden Fomkippur auch nicht vor uns selber zu schämen, wenn uns das Sündenbekenntnis an jene Verfehlungen erinnert, die in diesem Jahre schwerer wiegerr als je, an die „Sünden, die wir begangen durch Essen und Trinken."

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