Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Article
- Der Krieg und unsere Jugend
- Date
- 1915-03-01
- Page
- 75 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Krieg und unsere Jugend. 75 bestrebten,, als überlebt oder gar als falsch beiseite und setz! an deren Stelle andere, oft entgegengesetzte. Lassen Sie mich auch ein Beispiel hierfür anführen: Da waren wir in Gemeinschaft mit dem Elternhause bemüht, die Kinder zu wahrer Aufklärung zu führen, deren Ziel das bewußte Empfinden von der Gleichheit aller Menschen darstellt; da haben wir uns durch Jahre bestrebt, ihnen als höchste menschliche Vollkommenheit die Idee nahezubringen, die unsere Propheten zuerst erkannt haben, die Idee der allgemeinen Verbrüderung der Menschheit, den allgemeinen Weltfrieden, „wo keiner mehr wird den anderen beunruhigen", da haben wir ihnen daheim und in der Schule von dem Herannahen dieses seit Jahrtausenden ersehnten Ideals vorgeschwärmt, ihnen von dem Völkerschiedsgericht und dem Friedenspalast im Haag erzählt und die internationalen Versammlungen, zu denen sich die hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft vereinigten, als erstes Zeichen der Erfüllung des Ideals gepriesen. Nun stehen die Völker zum blutigen Kampfe bis zur Vernichtung gegeneinander: An die Stelle ihrer Vereinigung ist ein erschreckender Haß getreten, der namentlich in den unteren Schichten unserer Feinde, in Belgien und Frankreich, zu unmenschlichen Handlungen geführt hat, denen unsere Soldaten nur mit Anwendung strengster Gegenmaßnahmen begegnen konnten, der die Engländer, die sich doch sonst so viel auf ihre Zivilisation zugute taten, zur Heranziehung der gelben Nasse, ja selbst der fanatischen Bewohner des indischen Gebirgslandes geführt hat, die in altbarbarischer Weise ihr Kriegshandwerk üben. Von diesem Haß sind a u ch w i r nicht ganz unberührt: Laut jubeln wir heute bei der Kunde von der Vernichtung gewaltiger feindlicher Armeen, wenn 100 000 Nüssen in den Sümpfen und Seen Ostpreußens ihr Ende finden, wenn große feindliche Schiffskolosse durch unsere kühnen Unterseeboote in Grund gebohrt werden und mit Mann und Maus untergehen, wenn ein Schuß unserer gewaltigen Brummer oder der mähenden Maschinengewehre ganze Truppenteile vernichtet: Wer denkt an die Fülle des Elends, die nur eine einzige dieser deutschen Heldentaten im Gefolge hat, nicht nur für die Krieger, die mitten im blühenden Leben für ihr Vaterland den Tod finden, vor allem für die viel, viel zahlreicheren Hinterbliebenen, für die vielen Tausende von Witwen und Waisen, Eltern und Angehörigen, deren Stützen und Ernährer hingerasst werden! Alle ethischen Werte erscheinen im Kriege aufgehoben, die verzeihende Liebe hat der rohen Vergeltungstheorie Platz gemacht; wie in der Zeit, die wir längst überwunden wähnten, hat das Recht des Stärkeren die alleinige Herrschaft angetreten! Wie kann in einer solchen Zeit Elternhaus und Schule die Jugend vor Gefühlsroheit bewahren, wie die Gefühlswerte ihnen erhalten.