Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Article
- Der Krieg und unsere Jugend
- Date
- 1915-03-01
- Page
- 72 (sequence 2)
- Language
- German
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72 Fm deutschen Reich? kurz, ein Stück Weltgeschichte hat sich vor der Kinder Augen in — ich weiß keinen besseren Ausdruck — lichtbilderartiger Folge in den letzten fünf Monaten abgespielt, und täglich noch stürmt eine Fülle neuer Eindrücke auf sie ein. Ist schon deren Erfassung und Verarbeitung für uns, die gereiften Menschen, oft schier unmöglich, wie soll sie der noch so wenig geschulte kindliche Sinn begreifen und verstehen? Am leichtesten findet sich die frühe Kindheit, unsere noch nicht schulpflichtigen oder in den.ersten Schuljahren befindlichen Kleinen mit den großen Taten, von denen sie hören, ab: In der goldigen Sorglosigkeit der Kindheit wissen sie noch nichts und fragen nicht nach den Beschwerden und Opfern, die der Krieg in seinem Gefolge hat; für sie ist er ein neues Spielzeug wie etwa ein neues Schaukelpferd oder neue Zinnsoldaten; 100 000 gefangene oder gefallene Feinde, Zerstörungen von Festungen werden mit derselben Ahnungslosigkeit vom kindlichen Gemüt verzeichnet, wie das Einlegen von Spielsoldaten in die schützenden Schachteln oder wie das Zerstören von aufgebauten Pappfestungen, und selbst der Anblick der Verwundeten in den Straßen und Anlagen bleibt für die Kinder auf dieser Stufe nur ein Gegenstand kindlicher Neugier, ohne daß sie der oft furchtbaren Schmerzen und der traurigen Folgen sich bewußt werden, die eine Verwundung mit sich bringen kann. Lassen wir inmitten all des Furchtbaren und Grausigen, das wir erleben müssen, unseren Kleinen diese so glückselige Sorglosigkeit, lassen wir ihnen ihre Uniformen und Fahnen, ihre Soldatengesänge, die sie den „Vöglein im Walde gleich so wunderschön" hinausschmettern — wer kann wissen, was die Zukunft in ihrem verborgenen Schleier noch verhüllt, wie bald sie die nackte Wirklichkeit mit Schaudern erblicken! Ein Frevel am Kindesgemüt wäre es, wenn man es durch Schreckbilder verdüsterte und den köstlichen Frohsinn schon in Jahren bannte, in denen er. zum Segen für die spätere geistige und körperliche Entwicklung allein herrschen soll. Anders aber steht die g e r e i s t e r e Jugend der Gegenwart gegenüber: Sie fühlt bereits den gewaltigen Pulsschlag der großen Zelt, aber auch deren furchtbaren Ernst, und an Elternhaus und Schule tritt die ureigene, aber schwere Ausgabe, die Empfindungen und Eindrücke in eine Richtung zu bringen, daß sie der Jugend zum Segen gereiche, daß jedes, auch das kleinste und unbedeutendste Tagesereignis nutzbringend für das Erziehungsziel sich gestalte, für die Heranbildung zu einer sittlichen Persönlichkeit. In einer solchen sind die rein mechanischen Seelenvorgänge zurückgedrängt: das Logische Denken, der Verstand, das Schöne oder AeftheLische, d a s Gefühl, die Kraft und Freiheit, sich allem Unvollkommenen entgegenzustemmen, der Mille, bestimmen allein