Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1915)
- Article
- Innere Mission
- Date
- 1915-03-01
- Page
- 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Innere Mission. 53 hat einen Sinn erhalten, Her Held stirbt, damit das Volk lebt. Die gefallenen Helden rufen mit Geisterstimme uns zu: „Sterben heißt für andere sterben." Der Wille zum Leben ist eine elementare Kraft, .die den einzelnen vor Selbst- Vernichtung rettet, doch stärker.als diese Kraft ist der Wille, das Leben für die Gesamtheit hinzugeben; wenn schon das Leben nicht das höchste aller Güter ist, um wieviel weniger all das, was das Leben nicht selbst bedeutet, sondern nur begleitet: irdische Habe und .irdischer Genuß. Stark wie der Tod ist unsere Liebe zu den Helden, die vor dem Tode nicht zitterten, stärker wie der Tod ist unsere Zuversicht, daß ihr Sterben den Weg zum Siege und zum Frieden geebnet. Vor dem Kriege hörte man so oft, daß der zu sterben versteht, der „in Schönheit stirbt"; heute wissen wir, daß der zu sterben versteht, der für andere .stirbt. Für das krankhafte Empfinden, das das Sterben in Schönheit verherrlicht, hat unsere starke Zeit kein Verständnis mehr. Der verehrte Herr Vorredner hat mit Recht gesagt, daß wir vieles jetzt anbeten, was wir früher verbrannt haben, vieles jetzt verbrennen, was wir früher angebetet haben. Doch bedarf für uns Juden dieses Wort einer Ergänzung oder vielmehr einer Einschränkung. Gewiß haben wir vieles für unmöglich gehalten, was jetzt ernste Wirklichkeit geworden ist, gewiß haben wir vieles umlernen und vieles -zulernen müssen, aber die Lehren, die unsere Zeit über den Sinn des Lebens, des Leidens und des Sterbens verkündet, sind nicht neu, sondern uralt im Wesen des Judentums begründet; die alten Quellen waren nur versiegt und jetzt sprudeln sie von neuem. Was lehrt denn das alte Judentum anderes, als das, was jetzt wie eine neue Offenbarung gepriesen wird. Das Judentum ist eine soziale Religion; sie kennt den Wert der einzelnen Menschenseele, weiß aber auch schon seit Jahrtausenden, daß die Einzelseele erst im Wirken für andere ihre Bestimmung erfüllt. Israel ist wie keine zweite Bekennergemeinschaft durch die Schule der Leiden gegangen, hat diese in ihrer ganzen Gewalt ergründet und rang sich empor zu der Erkenntnis, daß das Leiden für eine Idee und für andere eine Pflicht ist, hinter der alles zurücktritt. Israel rettete der Menschheit durch seine Kraft im Dulden das Höchste: Gottesglauben und Sittlichkeit. Israel, der Stamm der Dulder, wäre im Weltschmerz untergegangen, wenn .es nicht den Zweck der Leiden begriffen hätte. Die Tragödie seiner Geschichte konnte nicht seinen Optimismus verdrängen, denn immer wußte es, daß redes Verhängnis seine Gnade hat. Das Judentum, die Religion des Lebens, verstand auch den Sinn des Sterbens. Unsere Väter starben als Märtyrer, weil sie den Nachkommen die religiösen Heiligtümer unversehrt erhalten Ter Siuic des Lebens, des Leidens und ^es Sterbens im L ich re dis Judentums.