Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1915-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1915) · p. 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1915)
Article
Der Herr der Heerscharen
Date
1915-01-01
Page
29 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316851-2316852-2349378--25197-2349498
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Herr der Heerscharen. 29 bieten sich solche Parallelen täglich und hunderLfältig. Weil eben das 'Alte Testament das Buch eines Volkes und das Buch des -Lebens und der Wahrheit ist. Es ist nicht „verfaßt", nicht von einzelnen Männern der Feder erdacht und erklügelt, sondern her-- ausgeboren aus den Schicksalen eines Volkes, eines von Feinden umringten, sich sein Leben erobernden, kämpfenden, leidenden, stürmenden, siegenden Volkes und geschrieben mit seinem Herzblut, lebenswahr und mit der unbedingten Aufrichtigkeit großer Seelen. Am die Bibel zu verstehen, muß man etwas erlebt haben; und weil wir jetzt das Größte und Gewaltigste erleben, das ein Menschenherz und ein Volkstum erschüttern und aufrühren kann, darum verstehen wir jetzt das Alte Testament. Denn das Elementare und Wesentliche am Leben der Menschen und Völker ist zu allen Zeiten dasselbe. In diesem Sinne gibt es keine Entwicklung und keinen Fortschritt. Die Bibel ist ein Buch für alle Geschlechter. Darum hören wir jetzt allenthalben Worte des Alten Testamentes. Denn es gibt für diese schwere aber große Zeit keine anderen von gleicher «Weihe und Kraft. Kurz nach Beginn des Krieges gab ein mir bekannter katholischer Professor der Theologie ein biblisches Kriegslesebuch heraus, und es besteht bezeichnenderweise aus lauter Stücken des Alten Testamentes. Ganz ebenso war schon das älteste ^Buck- Israels, von dem wir wissen, noch älter als die Bücher Moses, ein „Buch der Kriege Gottes". Aber der aufmerksame Beobachter kann weiterhin die überraschende Wahrnehmung machen, daß jetzt gerade solche Aussprüche des Alten Testaments und Lehren der Religion und des Gottes» glaubens Israels gewürdigt und hoch gepriesen werden, die man früher diesem Volke zuungunsten ausgelegt hat oder als Beweise einer tieferstehenden Religionsstufe angesehen wissen wollte^ Wenn wir die beständigen Klagen Israels über eine Welt von feinden, über schmähliche ^Lügen und böswillige Verleumdungen lesen, so haben wir in 'Deutschland jetzt doch ein besseres Verständnis für die Gerechtigkeit solcher Klagen. Anzählige Male ferner haben wir z. B. hören und lesen müssen: die Religion des Alten Testamentes ist gegenüber der Religion der Liebe eine Religion der Bache und unbarmherzigen Vergeltung, denn so steht geschrieben: „Aug' um Auge, Zahn um Zahn!" Aber siehe, so oft notwendige Härten gegen den Feind begründet werden sollen oder z. V. von Deutschlands Abrechnung mit England die Rede ist, fehlt selten die Rechtfertigung mit diesem a l t testamentlichen Wort, auch wenn es im übrigen hiermit falsch verstanden wird. 'Nichts aber ist in der Religion unserer Tage alttestamentlicher als der neuerwachte Glaube an Gott als den Herrn der Heerscharen, den alten Gott Israels. Eine der für wahre Religion verhängnisvollsten Redensarten hat mir immer die vom „lieben Gott" geschienen. Kaum etwas hat mehr Angläubige gemacht als der liebe Gott. Rur den edelsten, gottergebensten Seelen sollte es 'erlaubt sein, ihn so zu nennen. Meist ist er nur die hochmütige, selbstsüchtige, schwächliche Anschauung, daß die Weltregie» rung nur dann zu loben ist, wenn sie von -meinem kleinen Ich jegliches Leid und Angemach fernhält und mich und die Meinigen schmerzlos und in allem Behagen so lange leben läßt als sie nur irgend wünschen. Sonst ist es sofort mit ihrem Glauben an Gott vorbei, und die Kleingläubigen fragen in dieser Zeit: Wo ist denn nun Gott, wenn er so viel Morden und Jammer zuläßt? Sie haben recht — mit dem Gott, der nur Liebe ist, und zumal in dem armseligen Sinne, daß niemandem in der Welt etwas wehtun dürfe, verträgt sich kein Krieg, und er mag sich in dieser Zeit schwer behaupten. Aber sie Haben nicht den wahren Gott, den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.