Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1915)
- Article
- Der Herr der Heerscharen
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 28 (sequence 1)
- Language
- German
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28 Fm deutschen Reich. Der Herr der Heerscharen. Aus den Kriegsbetrachtungen von vr. V. Jacob-Dortmund. In einer der wundervollen AugustnächLe, die uns der Sommer dieses Kriegsjahres beschert hat, hörte ich aus einem der Eisenbahnzüge, die in ununterbrochener Folge, mit jungen Kriegern angefüllt, durch unsere Stadt gen Westen rollten, allmählich in der Ferne verklingend das Lied: Morgenrot, Morgenrot, Leuchtest mir zum frühen Tod! Bald wird die Trompete blasen, Dann muß. ich mein Leben lassen, Ich und mancher Kamerad. And mächtig griff es mir ans herz. Wie oft haben wir als Kinder das schöne Volks- und Soldatenlied gesungen, in unbewußter Weichheit des Gefühls von seiner Wehmut und Schwermut ergriffen. Aber jetzt erst ward mir seine lebendige Wahrheit recht bewußt. Ja, so wird es an zahllosen dieser kraft- und lebenstrotzenden Jünglinge mit ihren Wangen, die wie Milch und Purpur prangen, in Erfüllung gehen: Gestern noch auf stolzen Nossen, Heute durch die Brust geschossen, Morgen in das kühle Grab! Klarer als sonst wurde mir, worin die Gewalt des echten Dichters besteht: daß ihm ein Ohr gegeben ist, das wahre Leben zu belauschen, und eine Zunge, davon zu reden, daß es an§\ Herz dringt; aber auch, daß wir Dichters Wort erst recht verstehen, wenn wir es erleben. Weil nun also der Krieg ein so treffender Ausleger derer ist, die uns das Leben deuten, sintemalen er selber das mächtigste Stück Leben und solchergestalt der gültigste Zeuge ist, daß sie wahr reden, darum kommt jetzt das Buch zu noch höheren Ehren, das die echteste Wahrheit über alles ausspricht, was der Krieg um uns und in uns wirkt, womit er die Erde und die Menschen wandelt, seine Schrecken und Leiden, sein Grauen und seine Not, seine Freudigkeit und seinen Trost, die Gesinnungen und Tugenden, die er weckt und befeuert — die Bibel, das Alte T! estament. Wer immer dies Buch kannte, bezeugt es in dieser Zeit, daß er es erst jetzt verstehen lernt, daß zahllose Sätze und Worte, die tot und farblos im Gedächtnis ruhten, setzt Leben und Farbe gewinnen und ihre Wahrheit und Tiefe offenbaren, es seien die begeisternden oder erschütternden, mahnenden und drohenden Reden Moses und der Propheten oder die Bilder von Größe und Fall eines Volkes, 'von Blüte und, Verwüstung eines Landes, von Kriegsgreueln, Flucht und Verbannung, oder die Stimmen des Psalmisten über Befehdung und Verfolgung, Aeberzahl, Wut und,Tücke der Feinde, von Aürchten und Hoffen, von Bangen und Ausharren, von Todesnot und Siegesjubel. Als ich wenige Tage, nachdem unser ,Heer die belgische Grenze überschritten hatte und am Tage, nachdem Lüttich, die erste Feste, gefallen war (am 8. August), aus dem Abschnitt des vorhergehenden Sabbats die Stelle aus dem fünften Buche Moses (2. Kapitel, Vers 24 und folgende) von dem Anerbieten Moses und Israels an Schon, den König von Hesbon, sie durch sein Land ziehen zu lassen, und wie Gott das Heer des verstockten Königs und seine Festungen in die Hand Israels gab, zum Texte nahm, erregte diese „merkwürdige Parallele" Aufsehen und ging durch vieles selbst ausländische Zeitungen. Aber dem bibelkundigen Leser