Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1915)
- Article
- Der Krieg
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 18 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316851-2316852-2349376--25183-2349487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
18 Im deutschen Reich.- die Juden drücken auf ihre Mitbürger und die Deutschen auf ihre Mitnationen. Früher verachtete man die Juden, jetzt haßt man sie, seitdem sie sich die Gleichberechtigung erkämpft haben. Ich war nicht wenig überrascht, in einem Artikel des „Tag" dasselbe über die Deutschen zu lesen: früher habe man sie verachtet, jetzt hasse man sie. Nun mag das Deutsche Reich im Bewußtsein seiner Größe und seiner Macht seine Hasser verachten! Ls mag mit Verachtung die strafen, die es Barbaren schelten, die ihm nachsagen, daß seine Ulanen Säuglinge an der Lanze aufspießen, seine Krieger Frauen schänden, Verwundete martern, ohne Not Kunsttempel zerstören. Wir Juden können uns den Stolz der Verachtung nicht leisten; wir müssen gegen Blätter vom Schlage der christlich-sozialen, gegen „Hammer" und „Aus Vorposten" nach wie vor kämpfen und sie niederzuringen suchen, niederringen um des Judentums, um des Vaterlandes wegen, weil wir den Antisemitismus für eine Schmach halten. Die Antisemiten wollen es gar nicht, daß wir Gut und Blut dem Vaterlande opfern; sie sähen es lieber, daß wir unserer Pflicht uns entzögen, damit sie uns nachsagen könnten, daß wir Feiglinge seien. Ls ist ihr trauriges Geschäft, uns die Ehre abzuschneiden, und gegen sie wollen wir uns wehren bis aus den letzten Hauch. Wir wollen den Kampf führen mit den Waffen der Wahrheit und im Lichte der Oeffentlichkeit. Wir Juden, die wir der Welt die Offenbarung, das Gebot der Nächstenliebe, den Gedanken, daß der Mensch dem Heiligen zustreben solle, gegeben haben, haben mehr als jede andere Religion der Welt gezeigt, daß auch der Kampf für die gerechte Sache Gott wohlgefällig und geheiligt ist. Wenn wir uns mit Stolz erfüllen, und wenn wir nicht Nachlassen in deutsch-jüdischer Pflichterfüllung, in deutsch-jüdischer rastloser Arbeit, so sind meine Hoffnungen nicht geringer als unsere Wünsche. Wir haben unser Lebtag in Kampf und Arbeit gestanden; Kampf und Arbeit sind unjei jahrhuübertelanges Erbteil. Eine gütige Vorsehung hat uns Prüfungen, nicht erspart, hat uns in eine Welt gestellt, die nicht von Milch und Honig uberfließt. Arbeit und Kampf haben uns vorwärts gebracht, geläutert und verinnerlicht. Was jedem instinktiv in Fleisch und Blut steckt, die Liebe zum Vaterland, zur Glarlbensgemeinschaft, haben wir gezüchtet und wie ein heiliges Feuer bewahrt, wir haben es uns durch Anfeindungen nicht verkümmern lassen. Aus der unbewußter: Liebe zun: Vaterland und zur Glaubensgemeinschaft ist die Treue, das ist die bewußte Liebe, das Höchste geworden, was das Menschenherz besitzt, das, was das Göttlichste von allem ist. Der Krieg hat uns gelehrt, die materiellen Güter des Lebens und das Leben selbst gering zu schätzen, sich zu fühlen als das sterbliche und vergängliche Glied eines un*