Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1914-09-01
- Page
- 353 (sequence 4)
- Language
- German
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Amscham 353 Die Versuche, den Kaiser zu irgendeiner Erklärung zu veranlassen, welche die Pogrome verurteilte, oder wenigstens zu einer Kundgebung seines Mitgefühls mit den Opfern durch Hergabe einer Geldunterstützung aus seinen eigenen Mitteln schlugen vollkommen fehl." Dieser Judenfeind hat jetzt aus Angst vor einer deutschen Invasion die Stirn, die mit seiner Billigung gemarterten jüdischen Rntertanen an „Wohltaten" zu erinnern, die er ihnen erwiesen haben will. „An meine lieben Juden" lautet die Ueberschrift eines im Jargon und auch in russischer Sprache abgefaßten Manifestes, das seit dem Kriegsaus» bruch in vielen Städten Rußlands zu dem Zweck angeschlagen ist, die Juden zu veranlassen, sich freiwillig zum Heeresdienst zu melden. In dieser Proklamation spricht der Zar die Erwartung aus, daß seine jüdischen Untertanen ihm nun die „Liebe, die er ihnen stets bewiesen habe", durch Treue und Opferwilligkeit vergelten würden. Er verspricht ihnen die Erweiterung der Ansiedlungsbezirke und erinnert dabei an die „Wohltaten, die das Haus Romanow den Juden erwiesen habe". Die gesamte deutsche Presse beurteilt es aber nur als „einen Witz der Weltgeschichte", daß! Zar Nikolaus, der in seiner ganzen Regierungszeit sein Ohr den Bedrängtesten aller seiner Untertanen verschlossen und ruhig zugesehen hat, wie die jüdische Bevölkerung durch eine gewissenlose Beamtenschaft gedrückt, gepeinigt, bis aufs Blut ausgesogen und von dem fanatischen Pöbel durch alle Todesschrecken wilder Pogrome gehetzt wurde, die Juden zur freiwilligen Hilfe aufruft und sich dabei auf angebliche Wohltaten beruft, die sie von seinem Hause genossen haben sollen. Mit großen Opfern an Geld und Würde mußten sie sich bisher von Beamten, die in Rußland nur tzungergehälter beziehen, ihre Existenz erkaufen, in steter Furcht vor dem Büttel, der sie von Haus und Arbeit vertreiben, ihre Läden schließen, ihre Waren „beschlagnahmen" konnte,, das nackte Leben, das ihnen nur auf Widerruf , geschenkt wurde, bis ein Gouverneur wieder ben Pöbel gegen sie hetzte. Selbst ein Blatt, das sich bisher so wenig judenfreundlich äußerte wie der „R e i ch s b o t e", bemerkt zu dieser Proklamation: „Wie traurig muß es um Rußlands innere Verhältnisse aussehen, daß ein solcher Appel! an die Juden möglich ist, gegen die der Zarismus wahrlich nie säuberlich verfahren ist, und auf die er nun seine letzte Hoffnung zu setzen scheint." Im allgemeinen vermeidet die konservative Presse seit dem Kriegsausbruch Aeußerungen, welche die deutschen Juden verletzen können, während die Organe der radikalen