Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1914)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 318 (sequence 10)
- Language
- German
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318 Fm deutschen Reich. kulturell getrenntes, ein abgeschlossenes Judentum, und wende hierauf den Begriff Assimilation fälschlich an, den Tatsachen entspricht, erkennt man leicht aus einer Betrachtung jener Kreise, die uns den Vorwurf des Assimilantentums machen. Denn was ihre Kultur anbe trifft, unterscheiden sie sich keineswegs von den Kreisen, die 'sie ^bekämpfen! Sie sind genau so assimiliert wie jene, denen sie die Anklage, entgegenschleudern. Sie fügen sich genau denselben Sitten und Gebräuchen, sie arbeiten nach denselben Methoden, ihre Studentenverbindungen) der geistige Quell ihrer Theorien, ähneln auf ein Haar — vom Kneipkomment bis zu der unbedingten Satisfaktion — allen anderen jüdischen und nichtjüdischen Gebilden, und man hat nicht mit Anrecht behauptet, daß in der Denkweise die Assimilation jener Kreise weitergeht als die der von ihnen bekämpften „Assimilanten". Es klang zuerst wie ein Scherz, und dennoch ist es bittere Wahrheit, daß die nationaljüdische Anschauungsweise nicht aus jüdischen Ideenkreisen stammt, sondern daß sie einfach eine Assimilation an die nationalistischen Tendenzen des 19. Jahrhunderts ist, welche — vornehmlich gestützt auf die Rassen- Lheorie — das geistige Leben des deutschen Reiches stark beherrschen! Diese Assimilation haben die religiös gesinnten Teile der Iudenheit nicht mitgemacht, weil sie in ihr einen Widerspruch zu dem Kernpunkt der Religion, zu den prophetischen .Verheißungen vom Messianischen Reiche erblickten. Der Ausdruck „Assimilant" ist ein Schmähwort geworden. Es ist leicht, durch solche unklaren Begriffe auf urteilslose Volksmassen zu wirken, und trotz aller Bemühung wird es uns sicherlich nicht gelingen, die ungehörige, oft unlautere Art, wie mit diesem Worte gewirtschaftet wird, aus dem Leben der jüdischen Politik zu bannen. Aber trotzdem müssen wir zu unserer Aufklärung und Beruhigung die Begriffe klarstellen, denn die Gefahr liegt nahe, daß mancher sich beirren läßt und vor dem Vorwurf, ein Assimilant zu sein, zurückschreckt. Wer aber sich so einschüchtern läßt und aus diesem Grunde die Kulturtrennung als etwas Jüdisches und Löbliches ansieht und mitmacht, dem sei scharf betont, daß. schimpflich nur jener handelt, der einen wirklichen Eigenwert aufgibt, und zwar aus Gründen, die nicht ehrenhaft sind, daß also schimpflich nur die wirkliche Assimilation ist, das Aufgeben und Verleugnen der jüdischen Religion aus äußerlichen Gründen des niederen materiellen Vorteils. Keinesfalls schimpflich ist aber die Kulturassimilation, die Anpassung an die Amgebung in allen nichtreligiösen Dingen, Und ganz sicherlich nicht schimpflich ist die Ablehnung jener Theorie, die die Sicherung des Judentums nicht aus der Festigung der religiösen Vorstellung, sondern aus der Aufrichtung von kulturellen Scheidewänden erhofft.