Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1914)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 315 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Assimilation.- 315 miliert. In äußeren Nebensächlichkeiten, in Kleidung und Sitten hatten sie sich selbstverständlich längst angepaßt. Aber sie redeten auch die Sprache ihrer Amgebung, sie bereicherten die deutsche Kultur als Schriftsteller und Dichter, ihre Teilnahme an der Wissenschaft war eine bedeutende und für den deutschen Namen sehr ersprießliche, deutsche Kunst fand unter ihnen erfolgreiche Vertreter und eifrige Förderer, und das soziale Leben verdankte ihnen Anregung und treue Mitarbeit. In ihrer Denkweise, in ihrer wissenschaftlichen Methode, in ihrem Empfinden, überhaupt in allen Aeußerungen und Formen des Kulturlebens waren sie assimiliert, und der Unterschied zwischen einem deutschen Juden und einem italienischen war kulturell fast erschöpft in dem Anterschiede zwischen den Typen dieser beiden Nationen. Sie waren fest mit der Kultur ihres Landes verknüpft, und mochte auch ihr Beitrag eine spezifische Färbung answeisen wie eben der Anteil -eines jeden fest umschlossenen Kreises, so 'war er doch ein organischer Bestandteil, und die jüdischen Steinchen waren wohl als solche erkennbar, aber sie fügten sich harmonisch in das Mosaikbild ein, das die deutsche Kultur ausmachte. Rnd dennoch waren diese deutschen Juden keine Assimilanten im eigentlichen Sinne, sofern sie eben bewußt und zukunftssrendig an ihrer Neligion sesthielten. Mendelssohn hatte ihnen den Weg gewiesen, er, der begeisterte, religiöse Jude, der zugleich auch Kulturassimilant war. And wenn seine Jünger und Schüler vom Judentum absielen, so geschah es, weil sie seinen Weg nicht begriffen und wirkliche Assimilanten waren, von des großen Mendelssohn Liebe zur Religion, von feinem Stolz auf seinen Glauben nichts mehr besaßen. Die heute häufig ausgestellte These, daß die K u l t u rässimilation die religiöse nach sich ziehe, gehört zu jenen Irrtümern, welche man wegen ihres ehrwürdigen Alters beinahe für Wahrheiten hält. In Wirklichkeit ist aber die erstere ganz bedeutungslos, und Sein oder Nichtsein, Bestand oder Auflösung hängt einzig und altein von der inneren Macht des religiösen Gedankens ab, die durch Kulturanpassung allein nicht gemindert werden kann. Kulturverschiedenheit kann in Zeiten religiösen Verfalls oder religiöser Gleichgültigkeit wohl die Auflösung hinziehen und ein Scheinleben der Gemeinschaft Hervorrufen, aber für die Stellung und Bedeutung der wahren Religion leistet sie nichts. Es ist gar keine Rede davon, daß etwa in Deutschland, wie man oft behauptet hat, der Verfall der Religion, ihre Verdrängung aus der früheren Stellung, das Aushören ihrer einigenden und stärkenden Bedeutung als Folgeerscheinungen einer solchen Kulturassimilation zu betrachten seien. Die Gründe für diese bedauerliche Erscheinung liegen ganz wo anders. Was nun