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Im deutschen Reich · 1914-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1914) · p. 314

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
20 (1914)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1914)
Article
Assimilation
Date
1914-07-01
Page
314 (sequence 6)
Language
German
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314 Fm deutschen Reich. essantes, etwas Seltsames, auch etwas Kraftvolles vor sich hatte. Die Literatur war eigenartig und einzigartig, ebenso die Musik, und nicht minder die Kunstwerke hochbegabter Maler und Bildhauer, die aus diesem Milieu ihre Kraft zogen. lieber allem lag unverkennbar die jüdische Färbung, aber jüdisch dem Wesen nach war nichts, und wer ein wenig tiefer schürfte und den Herzschlag dieser Kultur zu vernehmen vermochte, der merkte bald die Übereinstimmung zwischen ihrem Leben, ihren Wünschen, ihren Träumen und denen der russischen I n tel l i g e n z. Es war eine eigenartige Kultur und doch wieder, keine Eigenkultur. Auch sie war abhängig von der Amgebung, auch sie trotz ihrer bedingten Selbständigkeit dem unerbittlichen Gesetze der Assimilation folgend! Es war vor allem keine jüdische Kultur, besonders dort nicht, wo ihre Vertreter dem Iungborn des Judentums, der Religion, entfremdet waren, und keine, welche eine Verpflanzung von ihrem lokalen Boden vertragen hätte. Der mehr empfundene als geäußerte Wunsch jener Westjuden, welche durch den Zusammenbruch des religiösen Ideals innerlich haltlos geworden waren, daß diese Ostkultur als die eigentlich jüdische angesehen, daß sie gewissermaßen zum Range einer Norm erhoben würde, daß sie der Maßstab sein solle und daß Abweichungen von ihr als Assimilation zu betrachten seien, hat zwar zu mancherlei Folgen geführt, ohne daß er aber jemals grundlegende Bedeutung gewinnen konnte. Man gewöhnte sich freilich daran, den intellektuellen Ostjuden als den Rormaltypus des Juden zu betrachten, aber man vergaß dabei nicht, an die Masse zu denken, und dieser Blick genügte, um jene Hoffnungen im Keime zu ersticken. Es war gar zu deutlich, daß die Kulturwelt des Ostens bei aller Kraft eine zurückgebliebene und unentwickelte war, daß die großen literarischen und künstlerischen Talente sich erst dann entfalteten, wenn sie methodisch und stofflich von der Westkultur beeinflußt waren. Zudem war der Ghettoeinschlag mit all seinen bedauerlichen Folgeerscheinungen gar zu stark ausgeprägt, und was das Letzte und Wichtigste war: die Juden des Westens waren ja bereits assimiliert, wenn auch nicht ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihren Rechten nach, so doch' in ihren Gefühlen, in ihrer Denkweise, in ihren Lebensidealen. And zwar war es ja gerade diese ostjüdische Kultur, die sie überwunden hatten. Damit ergab sich die größte Schwierigkeit. Denn wie sollte eine Bewegung gegen die Kulturassimilation bei Leuten einsehen, die bereits vollständig assimiliert waren, bei denen eine Hemmung nichts mehr nützen konnte, sondern die einen sichtlichen Rückschritt hätten machen müssen. Die Juden des Westens waren tatsächlich vollständig assi-

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