Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1914)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 313 (sequence 5)
- Language
- German
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Assimilation.- 313 in der Feindschaft der Welt begründet war. Der Kampf gegen den Antisemitismus schloß diese Massen, denen das wirklich Einigende verloren gegangen war, wieder fest zusammen; in diesem neuen starken Bunde mußte aber sehr bald die Frage nach dem zugrunde liegenden einigenden Element auftauchen, da jeder denkende Mensch bald erkannte, daß es der negativ wirkende Judenhaß allein nicht sein konnte. Hier sind die stärksten Wurzeln des nationalen Gedankens zu suchen, der sich notgedrungen auf kulturelle Werte weit mehr stützte als auf religiöseauf diesem Wege bekamen jüdisch-kulturelle Werte plötzlich eine Bedeutung, und die Frage der Kulturassimilation trat in ein neues Stadium. Freilich waren durch diesen Versuch, den Schwerpunkt des Judentums zu verschieben, ungeahnte Schwierigkeiten entstanden. Denn man mochte suchen und deuten, so sehr man wollte: eine jüdische Kultur außerhalb der Einflußsphäre der Religion gab es nun einmal nicht, es war bei den Juden nur eine deutsche vorhanden, der vielleicht die jüdisch-religiöse Eigenart und das traurige Schicksal der Iudenheit eine eigentümliche Rote gegeben hatten, die jedoch ihren Grundcharakter weder verleugnen noch ändern konnte. In dieser Verlegenheit richtete sich zuerst der Blick nach dem Osten, wo noch große Iudenmassen in einer deutlich von der Umgebung sich abhebenden eigenen Welt ein Sonderdasein führten, wo also die Grenzen von Kultureigenart und Judentum zusammenfielen. Man „entdeckte" den Osten und den Ostjuden, und unwillkürlich wurde die Ostkultur einer jüdischen gleichgeseht. Man vergaß aber, daß sie in Wahrheit auch nichts ursprünglich Jüdisches hatte, daß sie deutsch war, daß sie ganz gewiß von der jüdischen Religion beeinflußt und in vielen Zügen sogar von ihr neu geschaffen war, daß aber alles, was nicht deutsch und nicht religiös war, was sie also von dem Kulturzustande der deutschen Juden trennte, zwar ein eigentümliches und charakteristisches Gebilde darstellte, aber durchaus kein erfreuliches; denn es handelte sich dabei zunächst, soweit Eigenentwicklung vorhanden war, nur um ein kümmerliches Vegetieren in der Erstarrung nach dem Abschluß von dem lebendigen Ouell des Mutterlandes. Andererseits hatten auch das ewige Leiden, die politische Verfolgung, die wirtschaftliche Rot ihre Spur zurückgelassen. Besonders in den Kulturäußerungen der intellektuellen Oberschicht machte sich eine gewisse müde Resignation, gepaart mit einem mehr oder weniger durchaus verständlichen starken Hange zur ironischen Selbstverspottung und zur Satire geltend, jene spezifische Rote der ostjüdischen Literatur. Gewiß war es nicht zu bestreiten, daß man in dieser Kultur des Ostens etwas Inter-