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Im deutschen Reich · 1914-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1914) · p. 312

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
20 (1914)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1914)
Article
Assimilation
Date
1914-07-01
Page
312 (sequence 4)
Language
German
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312 Im beutftften Reich. In den Aeußerlichkeiten der Tracht und des Gebarens, in der ganzen Denkweise, in der Beteiligung an dem Geistesleben und der Politik des Niederlassungslandes ist die Anpassung der Juden, vornehmlich in Spanien und Deutschland, eine vollkommene gewesen. Die deutschen und spanischen Juden sind später nach Polen und dem Orient gekommen. Daß sie sich hier nicht wieder der neuen Umgebung assimiliert haben, liegt an dem einfachen Gesetze, daß die höhere Kultur einer Minorität, sofern diese nur eine kompakte Masse ist und die Vorbedingungen zu einem abgeschlossenen Sonderleben besitzt, sich der niederen Kultur der Majorität niemals assimiliert. Daß aber die ursprüngliche Kulturangleichung eine vollständige gewesen war, beweist der Umstand, daß man an den Sitten, Gebräuchen und den Sprachen jener beiden Gruppen noch heute vieles von der deutschen und spanischen Kultur des Mittelalters studieren kann. Die Gründe dieser Sachlage sind durchaus klar. Die Religion war das Wertvolle, das Eigentümliche; ihre Assimilation hinderte man mit allen Mitteln. Alle anderen Kulturgebiete überließ man aber der mechanischen Eigenentwicklung, und man konnte es ohne Sorge tun, da die überragende und gefestigte Stellung der Religion die Gemeinschaft schützte. Von einer Kultur einheit des Judentums im Mittelalter und in der Neuzeit zu reden, ist völlig unmöglich. Man braucht nur zwei Geistesheroen verschiedener Länder, wie z. B,. R a s ch i und M a i m o n i d e s, einander gegenüberzustellen, um zu erkennen, wie hier fast völlig verschiedene Kulturen dorliegen, und wie ihre Eigentümlichkeiten, ihre Denkweise, ja selbst die formalen Elemente ihrer religiösen Auffassungen Erzeugnisse der Umgebung sind, der sie sich assimiliert hatten. Für die Geschichte der Assimilation im Judentum kann man etwa folgenden Satz aufstellen: Je stärker die Macht der Religion war, desto gleichgültiger stand man der Kulturassimilation gegenüber. Aus diesem Grunde mußte sich nun vieles ändern, als in der Neuzeit die Stellung der Religion einen starken Stoß erlitt, als sie von ihrem überragenden Herrscherthron verdrängt wurde und als große Teile unserer Gemeinschaft das Judentum nicht mehr in sich, sondern an sich empfanden. Als der Antisemitismus zu einem erhaltenden Faktor des Judentums geworden war, für viele der Religion fast gleichwertig, wenn nicht ihr übergeordnet, mußten auch in der Beurteilung der Assimilation andere Anschauungen auftauchen. Das wirkliche Hemmnis der Assimilation und der Auslösung, die Religion, besaß keine unbedingte Macht mehr. Ihr gegenüber waren weite Kreise gleichgültig, und dennoch hatten sie das Bewußtsein von der Zusammengehörigkeit, das teils in einer gewissen Pietät, am meisten aber

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