Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1914)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 310 (sequence 2)
- Language
- German
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310 Fm deutschen Reich. gegeben sind. Jede sich bildende Gemeinschaft hat ihre charakteristischen Kennzeichen, in jeder neigt sich die Entwicklung bestimmten Richtungen stärker zu als anderen, und so erhält eine jede allmählich ein besonderes Gepräge, das sie von allen anderen unterscheidet. Was eine geschlossene Menschheitsgruppe vor anderen auszeichnet, wird ihr ohne Prüfung seines sittlichen Wertes besonders wertvoll und lieb, und des Engländers Wort „right or wrong, my count ry“ ist rein Nationalsprichwort, sondern ein völkerpsychologischer Grundsatz! Im Aufgeben dieser Eigentümlichkeiten kann allein eine Assimilation sichtbar werden, und die Erfahrung lehrt, daß sie überall mit Notwendigkeit dort eintritt, wo Berührungen stattfinden und ein numerisches Mißverhältnis Teile einer Gemeinschaft in die Minorität drängt. Assimilation ist hier ein ganz natürlicher Vorgang, ein unbewußtes Anpassen, eine Folge der Machtlosigkeit, die ganz unabhängig von ethischen Gesichtspunkten ist. And diese werden auch selten hineinge- Lragen werden, wenn es sich um die Assimilation von Teilen gleichgearteter und gleichgeachteter Größen handelt, deren Eigenwerte von derselben Bedeutung sind. Aus sehr vielen Gründen verschiedenster Art kann und wird bei Assimilationsvorgängen der Antergang einzelner Teile für die verlierende Gemeinschaft einen empfindlichen Verlust bedeuten und ihr darum zum Bewußtsein kommen. And sehr frühzeitig wird das der Fall bei einer solchen Menschengruppe sein, die in sich bei einem Vergleich mit anderen eine absolute Minorität ohne besondere Machtmittel erkennt und die sich demgemäß schwach fühlt. Ihren Anhängern fehlt das Bewußtsein eines starken Rückhalts, oft auch der Glaube ari die Kraft ihrer Gemeinschaft, und das Schicksal will es, daß gerade solche Gruppen durch räumliche Zersplitterung oder sonstige äußere Verhältnisse den Einflüssen der Assimilation sehr große Angriffsflächen bieten. Bei ihnen bedeutet aber fortschreitende Assimilation einen Auflösungsprozeß, der das Ganze gefährdet, und - es ist nur ein selbstverständliches Zeichen eines gesunden Lebenswillens, daß die Erkenntnis dieser Tatsache den Wunsch nach Hemmung hervorruft, der umso lebhafter empfunden wird, je bedeutender und wertvoller die charakteristischen Eigentümlichkeiten der Minderheit sind, die aufgegeben werden. Den mechanisch wirkenden Assimilations- und Äuflösungsbestrebungen gegenüber erwacht der Wille zur Selbsterhaltung und die Lebensbejahung, und sie tragen in den Assimilationsprozeß die kritisch-siLtlichen Gesichtspunkte, sie bringen eine gewisse Ordnung in das Chaos der Vorgänge und der Empfindungen. Sie verursachen, daß die Kulturwerte scharf gesichtet und kritisiert werden, daß schroff geschieden wird zwischen charakteristischem Eigengute und nebensächlichen Be-