Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1914)
- Article
- Rückblicke
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 293 (sequence 5)
- Language
- German
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SUHHöte 293 Man muß also nach diesen Ausführungen glauben, die sogenannte jüdische Presse und die jüdische Oeffentlichkeit habe sich entrüstet, weil irgendein ungeeignetes jüdisches Kind abgelehnt wurde. In einzelnen Familien mögen solche Proteste laut geworden sein. Sie mögen auch unbegründet gewesen sein und werden gewiß von jedem anständig denkenden Menschen verworfen werden. Aber kein Wort davon ist wahr, daß die Allgemeinheit sich so verhalten habe wie Herr Neuendorff schreibt. Wir pflegen die Zeitungen, auch die von Herrn Neuendorff gemeinten, regelmäßig zu lesen und haben nur einen einzigen, allerdings in der Presse sehr eingehend erörterten Fall gefunden, den näher zu schildern Herr Neuendorff unterläßt. In Zittau war nämlich ein jüdisches Mädchen abgelehnt worden. Nicht etwa, weil es ungeeignet für den Wandervogel war, sondern mit der Begründung, weil sie Jüdin sei und Juden in eine deutsche Bewegung wie des Wandervogel nicht hineingehören. Daß diese Begründung Anlaß zu erheblichen Bedenken geben mußte, bedarf wohl keines weiteren Kommentars. Früher schrieb auch einmal die Wandervogel- Führerzeitung : „Es gibt Menschen jüdischen Blutes unter uns, die deutscher sind als Hunderte und Tausende, die sich ihres germanischen Blutes mit aufgeblähtem Stolz rühmen. Und es wäre traurig und im höchsten Grade unklug, wenn wir sie ausschließen wollten aus unseren Reihen, nur weil sie schwarze Haare, nur weil sie eine gebogene Nase haben, oder das noch nicht mal. Aber: jüdisches Blut." Dieser Zittauer Fall war das erste Wetterleuchten des in die Wandervogelvereinigungen künstlich hineingetragenen Judenhasses. Wie wir es in einem früheren Aufsatz dargelegt haben, wird seit etwa zwei Jahren systematisch * versucht, die deutsche Jugend politisch nach rechts zu lenken. Ueber den Wert dieser Bestrebungen mag der einzelne denken wie er will. Wir wollen das für die Allgemeinheit nicht als unglücklich oder glücklich bezeichnen. Aber auf die Methode kommt es an. Auf die Parteiprogramme der in Frage kommenden Fraktionen und deren Anziehungskraft schien man im allgemeinere nicht allzu viel Wert zu legen. Man versuchte es mit anderen Mitteln. Mystische Begriffe, wie Rasse, Blut, Germanentum, unter denen sich jeder etwas anderes vorstellt, wurden eingeführt. Eine völkische Richtung wurde begründet, die die Höherzüchtung des Menschen erstrebt und mit den nebelhaftesten Redensarten die Sinne unreifer Menschen zu umgaukeln versucht. Gewürzt wurden diese Vorstellungen durch Erweckung von Rassenvorurteilen. Die Juden wurden nicht offen angegriffen. Aber im Geheimen ist der Instinkt der einzelnen gegen sie geweckt worden. Getragen wurde diese Bewegung von einer großen Reihe sogenannter nationaler Verbände, die nichts anderes waren und sind als politische Hilfstruppen der antisemitischen Partei und des Bundes der Landwirte. Geld fehlte nicht, ebenso wie an Rednern und Broschüren nicht ge-