Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1914)
- Article
- Rückblicke
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 292 (sequence 4)
- Language
- German
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292 Fm deutschen Reich. -„völkischen 'Germanenstimmung" geherrscht habe, so muß das für die Regel — eine seltene Ausnahme ist natürlich möglich — als glatt unrichtig bezeichnet werden. Wir kennen die Beweggründe des Herrn Neuendorfs. Er hat offenbar die Erwähnung der geistlichen Lieder seinen Erwägungen aus dem Grunde beigegeben, um taktisch nicht ungeschickt dem Leser die Beweisführung nahezulegen: Wo christlichreligiöse Lieder gesungen werden, ist für Juden kein Raum, denn sie können sich an diesen Liedern nicht beteiligen. Infolgedessen müssen die Juden als Fremdkörper im Wandervogel empfunden werden. Sind aber — und das entspricht der Wirklichkeit — solche christlich-geistliche Lieder in der großen Allgemeinheit nicht gesungen worden, dann bleibt nur noch eine andere Frage übrig: Können denn jüdische Kinder nicht auch altdeutsche Lieder mitsingen, sich am deutschen Wald erfreuen, die Zusammenhänge der Geschichte des deutschen Volkes durch Kenntnis deU deutschen Landes verstehen lernen? Sind sie nicht ebensogut Deutsche wie die christlichen Kinder? Man sehe doch einmal die Menschen an, wie sie sind, und nicht, wie sie von völkischen Gruppen oder überspannten Ideologen geschaffen werden wollen. Es wird selbstverständlich auch in der jüdischen Jugend -ebenso wie in der nichtjüdischen Persönlichkeiten geben, die für den von Neuendorff angedeuteten romantischen Zug empfänglich sind. Auch unter den zum Judentum gehörenden deutschen Dichtern und Schriftstellern gibt es genug Männer, die gerade in diesem Punkte dem deutschen Geistesleben wertvolle Bereicherungen gebracht haben. Wer den Juden als Klasse ganz allgemein das Verständnis und die Würdigung der von Herrn Neuendorff geschätzten Eigenart abspricht, beweist, daß er sich über die ungerechtfertigte Verallgemeinerung der Antisemiten nicht erheben kann. Wohlgemerkt: wir haben dabei einmal unterstellt, daß die Darstellung des Herrn Neuendorff in bezug auf die Grundtendenz des Wandervogels nicht falsch, sondern der Wirklichkeit entnommen ist. Das ist, und das muß ausdrücklich sestgestellt werden, natürlich nicht der Fall. Denn in der Wandervogel- Bewegung liegt der Idealismus der Tat und nicht der einer phrasenhaften Romantik, mit der sie Herr Neuendorff herausputzen will. Ebensowenig zutreffend wie diese seme Darlegungen sind die weiteren Ausführungen des Herrn Neuendorff, die sich auf das Verhalten der Juden beziehen. Wir wollen, um die Beurteilung des Charakters seiner Darlegungen jedem Gerechtdenkenden offen zu lassen, den Wortlaut seiner Ausführungen wiedergeben: „Es ist selbstverständlich, daß sich unter den Abgelehnten hier und da auch Juden befanden. Wie das aber in Deutschland in foId)cu Fällen immer zu gehen pflegt, wurden solche Ablehnungen in jüdischen Kreisen äußerst übel vermerkt. In jedem Einzelfalle fast kamen langatmige Beschwerden an die Bundesleitung. Die jüdische Presse wurde in Bewegung gesetzt/'