Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1914)
- Article
- Rückblicke
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 291 (sequence 3)
- Language
- German
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Rückblicke, 291 Alte deutsche Lieder wurden gesungen, altes Hausgerät wurde 'gesammelt und so in romantischer Hingabe an Naturschönheiten und in steter Berührung mit den. geschichtlichen Wurzeln deutschen Wesens den jungen Menschen zu einer höheren Entwicklung verholfen. Ab und zu wurden auch andachtsvolle Lieder von Jesu, dem Kinde und Maria, der reinen Magd angestimmt. Juden Hütten selbstverständlich für den Wandervogel nur wenig Verständnis gehabt. Als nun hie und da einmal ein Jude abgelehnt worden sei, wären die jüdischen Organisationen aufgetreten, die „jüdische Presse" sei in Bewegung gesetzt worden und die ganze Judenschar sei über die einzelnen Wandervögel hergefallen und hätte die zwangsweise Aufnahme verlangt. Darum habe der Beschluß in Frankfurt a. Onur eine Bedeutung gehabt: die Wahrung des Rechtes auf Selbständigkeit solle dem Wandervogel erhalten werden. Wer das altes liest und nicht näher über die Dinge unter-- richtet ist, auch nicht näher Nachdenken will, dem werden die Ausführungen des Herrn Neuendorff sicherlich gefallen. Sie sind unzweifelhaft geschickt. Aber ihnen fehlt als erstes Erfordernis die Feststellung der Wahrheit. Denn über aller taktischen Zweckmäßigkeit vergißt Herr Neuendorfs offenbar die Pflicht, die Dinge so darzustellen, wie sie sind, und das Unrecht, das er damit begeht, daß er Zusammenhänge aufzuweisen sucht, wo gar keine vorhanden sind. Wir wollen die Ergebnisse unserer Nachforschungen so vorsichtig wie möglich darstellen. Für die im Wandervogel E. B. zusammengefaßten Wandervogel-Vereinigungen stimmt die Entstehungsgeschichte und Wesensschilderung des Herrn Neuendorff ebensowenig wie für alle anderen Vereinigungen. Denn die Wanderbünde sind im wesentlichen entstanden aus dem Bedürfnis der Jugend, hauptsächlich der großstädtischen, nach körperlicher Erstarkung, dem Genüsse der freien Luft, der Erziehung zur Selbständigkeit und Mannhaftigkeit. Es wird in den Vereinigungen wacker gewandert, man lebt einfach, ist lustig und guter Dinge. Romantische Naturen haben sicherlich auch einmal im tiefen Walde Gedankengänge, wie sie Herr Neuendorff darstellt, gehegt. Sie werden auch anderes als altes Hausgerät gesammelt und werden neben geschichtlichen Zusammenhängen auch die Schönheit der Natur bewundert haben. Das sind Empfindungen, die sich nicht in ein System bringen lassen, die weder zum Wesen des Wandervogels gehören, noch etwa einen Bestandteil der Gesamtbewegung bilden. Woraus es ankommt ist die Tatsache, daß nicht etwa dieser „völkische Zug" den letzten Grund zur Bildung der Wandervogel-Vereinigungen gegeben, hatte. Wahr ist, daß man versucht hat, die Vereinigungen nachträglich auf ein Programm festzulegen, welches etwa dein Volkserzieherprogramm eines Wilhelm Schwaner entspricht. Dieses Programm ist rein germanisch und lehnt das Christentum als eine jüdische und undeutsche Einrichtung auf das schärfste ab. Wenn jetzt Herr Neuendorff seine Leser glauben machen will, daß in einer Mehrzahl von Fällen eine Verbindung zwischen dem Anstimmen geistlicher Lieder und dem ausgeprägten Empfinden einer