Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1914-06-01
- Page
- 259 (sequence 4)
- Language
- German
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Amschäm 259 denn der antisemitische „Göttinger Deutscher Bote" hat am 30. April d. Is. nach zehnjährigem Bestehen sein Erscheinen eingestellt. Wie der „Frankfurter Zeitung" mitgeteilt wurde, hat das Unternehmen ein großes Vermögen verschlungen, hat sich aber, obwohl es von konservativer, bündlerischer und welfischer Seite schon seit geraumer Zeit in erheblicher Weise finanziell unterstützt worden ist, nicht lebensfähig erwiesen. Auch in Westfalen ist der Boden für agrarisch-antisemitische Husarenritte nur ganz vereinzelt geeignet. In Minden - Ravensberg ist der Generalsekretär Kunze, eine der HauptleuchLen der konservativen Partei, im Februar gründlich abgefallen, und seine Auslassungen in einer konservativen Versammlung in Herford — „Hundertmal schlimmer als die Sozialdemokratie ist das Judentum. Nicht dir Junker haben das Ohr des Herrschers, sondern neugeadelte Banklöwen täuschen ihn usw." — konnten bei Westfalen keinen Anklang finden. Vorher schon war aber in einer zu Gütersloh veranstalteten Versammlung von den verschiedensten Seiten scharf gegen das Judentum gehetzt worden. So stellte der Generalsekretär AIbers aus Bielefeld die schon unzählige Male widerlegte Behauptung auf, der Einfluß des Judentums wachse ungeheuer, besonders an der Börse und in der Großstadtpresse, wodurch das Volk mißleitet und irregeführt werde. Als Kronzeugen führte er den verstorbenen Max Goldberger an, der gesagt habe, 300 Juden regierten Deutschland und jeder hätte seinen Nachfolger vorher bestimmt. Es handelt sich hierbei, wie allen Kennern der Verhältnisse bekannt ist, um die falsche Wiedergabe eines Zitats aus dem Buch von Walter Rathenau „Zur Kritik der Zeit". Dort heißt es, daß etwa 300 Großkapitalisten — von Juden ist gar nicht die Rede — das Wirtschaftsleben kontrollieren. Besonders eigentümlich, aber berührte es die in der Versammlung anwesenden Juden, daß ein Pastor Möller die Juden für den Austritt aus bet evangelischen Canöeskirche verantwortlich, macht. Wie kann man das Judentum als solches dafür verantwortlich machen, daß zu den Führern der Austrittsbewegung neben vielen anderen auch einzelne Männer jüdischer Abstammung gehören. Weiß Herr Pastor Möller denn nicht, daß im Judentum genau so wie im Protestantismus und Katholizismus genug Stimmen laut werden, die in der Loslösung des Einzelnen von seiner Glaubensgemeinschaft eine schwere Schädigung der letzteren erblicken.» Von einem Geistlichen hätte man erwarten dürfen, daß er diese Angelegenheit objektiv und nicht vom rassenfanatischen Standpunkt aus behandelt. Es ist schlimm genug, daß die berufsmäßigen konser-