Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Oberschlesien
- Date
- 1914-06-01
- Page
- 249 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316841-2316847-2348754--24723-2348887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
OberMefien. 249 Teil der jüdischen Proletariermassen des Ostens hier ein neues Feld der Betätigung sich eröffnete. Die Leute waren zudem sehr religiös und nüchternfroh, daß sie Gelegenheit zur Arbeit hatten und sich ihr Brot verdienen konnten, lebten sie harmlos und bescheiden, zeigten sich vor allem absolut frei von jeder Neigung zu Exzessen, und die Bergwerksdirektoren waren mit ihrem Betragen und ihren Leistungen durchaus zufrieden. Aber es waren Juden! lind die Folge war, daß die oberschlesische Regierung, die aus Rücksicht auf die Bedürfnisse der Industrie die Ausschreitungen polnischer und ruthenischer Christen sehr nachsichtig beurteilen muß, sie allesamt aus wies! Es wurde förmlich eine Jagd aus sie veranstaltet, bis endlich der letzte Mann jenseits der Grenze war. Die Oppelner Regierung erwies sich leider als durchaus unzugänglich gegen alle Bemühungen, diese harte Maßregel zu lindern; und das ist um so auffallender, als gegenwärtig an ihrer Spitze ein Mann steht, der für die Erfordernisse des modernen Lebens einen großzügigen Blick hat, der außerdem, obwohl als Student einstmals Angehöriger des „Vereins deutscher Studenten", sich dennoch in vielen Beziehungen als durchaus vorurteilslos erwiesen hat. Es ist also dabei geblieben, daß christliche ausländische Arbeiter in so großer Zahl beschäftigt werden dürfen, wie man sie nur bekommen kann. Nur Juden sind ausgeschlossen, weil sie Juden sind. Eine besondere Behandlung genießen jene ausländischen Juden, welche jenseits der Grenze ihren ständigen Wohnsitz haben, in Preußen aber ihren Geschäften nachgehen. Für diese hat man ein besonderes System der Erschwerung ersonnen. Manche haben das Recht, die Woche über in Preußen zu bleiben und sind nur gezwungen, über Sonnabend und Sonntag nach Hause zu fahren. Vielen gestattet man aber den Aufenthalt in Preußen nur tagsüber, wohingegen sie jede Nacht Preußen verlassen müssen. Aebertreten sie diese Verordnung, die natürlich für Geschäftsleute schwer innezuhalten ist, so droht ihnen ohne Rücksicht auf ihre Lage die völlige Ausweisung. Natürlich ist dadurch der Denunziation seitens mißgünstiger Konkurrenten Tür und Tor geöffnet, anonyme Anzeigen laufen in Mengen ein, und es wird selbstverständlich von der Polizei stets sorgfältig nachgeprüft, ob wirklich Herr A. P. den Zug verpaßt und deshalb verbrecherischerweise im Gasthof übernachtet hat, statt die vierzig Kilometer nach Oswiecim zu Fuß zu gehen. And ist es wirklich wahr, so wird er ohne jede Rücksicht auf seine Existenz kurzerhand ausgewiesen. Zahlreich sind die anderen Maßregeln, von denen die ausländischen Juden betroffen werden. Es gibt noch einige jüdische Hausierer im Bezirke. Nun will die Regierung den