Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1914-06-01 · Heft 6 (Juni 1914) · p. 248

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
20 (1914)
Issue
Heft 6 (Juni 1914)
Article
Oberschlesien
Date
1914-06-01
Page
248 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316841-2316847-2348754--24722-2348886
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

248 Im deutschen Reich. preußischen Staates und der schwer gefährdeten Grenzen, daß er schleunigst aus den Grenzprovinzen ausgewiesen werden muß! Ausländische Angestellte in Geschäften und industriellen An- Lernehmungen, die sich redlich ernähren, werden ausgewiesen, sobald sich herausstellt, daß es sich um Juden handelt. Selbst Leute, die aus wichtigem Anlaß, wie z. B. in Krankheitsfällen, bei oberschlesischen Verwandten zu Besuch weilen und den Besuch über ein paar Wochen aüsdehnen, werden ausgewiesen, sofern sie eben Juden sind. Man kann sich denken, wie verbitternd es auch auf deutsche Juden wirken muß, wenn ehrliche, brave Menschen aus dem Lande gejagt werden, nur um ihres Glaubens willen. Von Naturalisation ist natürlich überhaupt keine Rede. Reiche Leute, die nach Ruf und Charakter untadelig und bereits in Deutschland geboren sind, wagen schon gar nicht, sich um die Naturalisation zu bemühen, weil sie fürchten, daß die Antwort ein Ausweisungsbefehl sein könnte. Bemerkt sei übrigens noch, daß auch für die preußische Regierung die Ausländer keine homogene Masse sind, sondern daß sie sehr wohl nach dem Arsprungslande unterscheidet. Russische Juden sind völlig rechtlos, österreichische, besonders galizische, sind es beinahe, während die ungarischen am besten behandelt werden. Das liegt daran, daß die russische Regierung sich um ihre jüdischen Untertanen überhaupt nicht kümmert, die österreichische nur selten, wohingegen ungarische Ministerpräsidenten zuweilen einen kräftigeren Ton anzuschlagen wissen und ihre Untertanen gegen unberechtigte Ausweisungen in Schutz nehmen. Christen werden natürlich anstandslos in den Antertanenverband ausgenommen, sobald sie nur einigermaßen den Anforderungen entsprechen. Cs kommt sogar vor, daß solche naturalisierte Christen nicht einmal fließend deutsch sprechen. Besonders schroff trat dieses Versagen der Niederlassungserlaubnis in der Frage der jüdischen Bergarbeiter zutage, deren Behandlung geradezu unerhört war. In Oberschlesien müssen aus Mangel an einheimischen Kräften viele Tausende von polnischen, galizischen und ruthenischen Arbeitern beschäftigt werden. Cs sind dies zu einem nicht kleinen Teil ganz rabiate und schlechte Clemente, welche der Polizei und den Gerichten unendlich viel zu schaffen machen. Diebstähle, Messerstechereien und SittlichkeiLsdelikte sind bei ihnen nicht selten. Nun wollte man auch den Versuch machen, jüdische ausländische Arbeiter einzuführen; es war ein verheißungsvoller Anfang gemacht worden, und eine Anzahl von mehr als Hundert arbeitete bereits in den verschiedenen Gruben. Wer konnte sich solchem Beginnen widersetzen? Wie unendlich wohltätig mußte es wirken, wenn für einen noch so kleinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.