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Im deutschen Reich · 1914-06-01 · Heft 6 (Juni 1914) · p. 245

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
20 (1914)
Issue
Heft 6 (Juni 1914)
Article
Was nun?
Date
1914-06-01
Page
245 (sequence 5)
Language
German
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Was nun? 245 Der Konfessionalismus und Bassenfanatisinus, den der Antisemitismus gegen uns wach gerufen und in maßlos verhetzender Weise ständig predigt, hat seine verderbliche Wirkung keineswegs auf uns beschränkt. Ls ist keine Aebertrribung, wenn man sagt: Gegenwärtig werden schon die Semmeln nach der Person des Herstellers getauft, überall im gewerblichen Leben wird zunächst die Konfession des andern berücksichtigt. Daß der gesellschaftliche Verkehr sich säst nur noch unter konfessionell Gleichgesinnten bewegt, ist eine offenkundige Tatsache, und wo der Zwang der Verhältnisse Ausnahmen hervorbringt, da ist ein gewisser, die Harmlosigkeit störender Unterton dem aufmerksamen Beobachter nur zu leicht erkennbar. Die Abneigung der christlichen Konfessionen untereinander ist eben im allgemeinen kaum geringer als die gegen die Juden. In der Politik, in der kommunalen Verwaltung, in der Besetzung einzelner Stellen entscheidet längst nicht mehr die Brauchbarkeit und Tüchtigkeit des Bewerbers, sondern in erster Linie dhe Eacht der in der betreffenden Gegend herrschenden Konfession. Bilden sich doch in neuester Zeit Verbände von katholischen Stadtverordneten, welche den Zweck verfolgen, in den Gemeinden, in denen die katholische Bevölkerung die Mehrheit hat, die ganze Verwaltung katholisch zu durchdringen, und es ist mir kürzlich ein Falk mitgeteilt worden, hi welchem ein evangelischer Assistenzarzt die Stelle, auf die er sonst wohl begründete Anwartschaft hatte, nicht erhielt, weil sie eben mit einem katholischen Arzte besetzt werden sollte. Ja, der Fluch und die Lüge des Antisemitismus kehren bereits heim: er ist ursprünglich von katholischen Kreisen Deutschlands angeregt, von evangelischen gefördert worden, und Evangelische wie Katholiken spüren nunmehr seine Wirkungen am eigenen Leibe! Kann uns Juden das eine Genugtuung sein? Ach nein, wir empfinden nur die Trauer über solche Zustände um so lebhafter, je mehr unser Blick durch eine tausendjährige Leidensgeschichte geschärft ist für die schlimmen Folgen, die mit dem gesamten Vaterlande unsere kleine Gemeinschaft treffen müssen. — Wer Augen hat, zu sehen, der muß mit Sorge in die Zukunft blicken. Wenn die konfessionelle Zerrissenheit der Bevölkerung weiter so sortschreitet, was sott werden, falls wieder einmal eine große Gefahr die Grundfesten des Staates erschüttern würde, in einer Zeit, in der nur die innerlich begründete, nicht bloß eine durch Zwang zusammengehaltene: Einigkeit aller Bürger das Unheil abzuwenden vermag? „Unser Staat beruht auf der Arbeit aller Stände, und es ist ein Verbrechen, wenn man zwischen diesen Ständen eine Scheidewand auszurichten versucht und ihre gemeinsame Arbeit hindert."

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