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Im deutschen Reich · 1914-06-01 · Heft 6 (Juni 1914) · p. 244

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
20 (1914)
Issue
Heft 6 (Juni 1914)
Article
Was nun?
Date
1914-06-01
Page
244 (sequence 4)
Language
German
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244 Im deutschen Reich. der Krone, die doch die oberste Vertreterin von Wahrheit und Recht ist? Die Treue zum gesprochenen) geschriebenen und beschworenen Wort wird fortgesetzt zum Nachteile so vieler Staatsangehörige gebrochen, die mit Gut und Blut für das Vaterland eingetreten sind und erforderlichenfalls bedingungslos jederzeit wieder -eintreten werden: kann das durch das demagogische, manchmal an Tollheit streifende Treiben der kleinen Gruppe von Antisemiten gerechtfertigt, ja nur entschuldigt werden? Mit gekünstelten Gründen, von deren Haltlosigkeit ohne weiteres ein Blick auf die Wirklichkeit der Tatsachen überzeugt, sucht ein Teil der Konservativen den unstreitig vorhandenen Bruch der Verfassung zu beschönigen: ist das die deutsche Ehrlichkeit, die Geradheit des Handelns, welche jene Herren doch so eifrig stets für sich als ihre spezielle Eigenschaft in Anspruch nehmen? Sie ahnen wohl kaum, daß der Schaden, den sie stiften, für das Allgemeinwohl viel größer ist als für uns Juden. Wie recht hat doch Carlyle, wenn er in seinem Meisterwerke über die französische Revolution einmal ausführt: „Anrecht erzeugt Anrecht; Fluch und Lüge, mögen sie noch so weit wandern, kehren immer heim!" So kurz auch verhältnismäßig die Zeit ist, in der der Antisemitismus seine verderblichen Wirkungen ausübt, dennoch zeigt sich schon die Wahrheit jenes Ausspruchs im öffentlichen Leben Deutschlands. Gewiß, jene Finsterlinge der Kultur haben den einzelnen Juden viel Archeil bereitet; sie haben uns gekränkt, haben uns Schwierigkeiten an allen Ecken und Enden geschaffen, haben vor allem unsere Jugend so verbittert, daß ein, wenn nur geringer Teil von ihr sogar der inneren Anhänglichkeit an ihr Vaterland verlustig zu gehen droht — das alles ist leider nur zu wahr. Aber den Bestand des Judentums oder auch nur der Iudenheit in Deutschland konnten und können sie ebensowenig erschüttern, wie es den rechten" Antisemiten je gelingen wird, das ihnen verhaßte Christentum zu beseitigen und den urgermanischen Götterglauben wieder emzusühren, mögen sie auch noch so sehr auf das angeblich „Andeutsche" der christlichen Religion Hinweisen und noch so eifrig altheidnische Feste im Teutoburger Walde feiern. Welche Früchte aber hat der Antisemitismus schon jetzt dem deutschen Volksleben gebracht? Daß das Gefühl der Gleichgültigkeit gegen fortgesetztes Anrecht erschreckend zugenommen hat, ist bereits oben dargetan. Bedeutet das nicht ein Sinken der Volksmoral? Anrecht erzeugt Anrecht! —

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