Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1914-05-01
- Page
- 212 (sequence 9)
- Language
- German
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212 Im deutschen Reich. auch nicht das von dem christlichen Landtagsabgeordneten! Nitzschka zufällig gehörte SisenbahngefprLch, in dem Exzellenz Lieber! und sein Reisegefährte Freiherr v. Streit sich über „verdammte Schullehrer" und über „Postbeamte, die doch das Maul voll gekriegt hätten", sich ungeniert unterhielten. Das Niveau dieser Aeußerungen paßt zu v. Lieberts „Fremdkörper"- Bezeichnung der Juden. Die krassen Uebertreibungen der Ziffern der traurigen Beteiligung von Juden an dem „Mädchenhandel" wie auch der meisten übrigen statistischen Angaben des Vortragenden zu besprechen, würde zu weit führen, ebenso gilt dies von seinem höhnischen Vorschlag, besondere jüdische Regimenter zu errichten und im Kriege voranzustellen, „weil man sonst ihre Tapferkeit nicht sehen könne". In der Vaterlandstreue stehen jedenfalls die deutschen Juden gegen keinen andern Teil der deutschen Bevölkerung zurück. Das Land, in dem wir geboren sind, dem wir unsere Kultur verdanken, für das unsere Väter gestritten und gekämpft haben, ist unsere Heimat, auf die wir Ansprüche haben, die uns der Antisemitismus nicht rauben kann. Der Rassenhaß, den die Antisemiten aufstacheln, ist Verrat am Vaterland; der echte Patriot wird und muß so denken wie Prof. Dr. Ed. König in Bonn, der in Anknüpfung an sein Werk „Das antisemitische Hauptdogma" erklärte: „Bewahre uns Gott davor, daß unser Uaiionalhewnfytfehir ln bezug auf bas ich niemandem nachzustehen strebe, zu einem Akassenbewutztsein werde!" Wohin der Rassenfanatismus führt, zeigt die ganze Literatur der Antisemiten, ihr Semi-Gotha, ihr Semi-Kürschner und das Bestreben, alle ihnen mißliebigen Personen zu Juden zu stempeln. Das hat sich auch bei der Zabern-Affäre gezeigt, bei der nachträglich fast alle von der Antisemitenpresse als Juden hingestellten Personen sich als Nichtjuden erwiesen, u. a. der Landgerichtsrat Kalisch den der Abgeordnete Heins von der Wirtschaftlichen Vereinigung im preußischen Abgeordnetenhause einen Juden nannte, der aber in der „Täglichen Rundschau" erklärte, er könne seine rein arische Abstammung mit besserem Gewissen beteuern als viele Träger alter Adelsnamen in Deutschland. Als am 23. Februar in der elsaß-lothringischen Kammer Dr. Pfleger die Berufung des „jüdisch e n" Professors Dr. Simmel auf den ersten philosophischen Lehrstuhl der Universität Straßburg bemängelte, erwiderte der Vertreter der Regierung, daß Simmel gar nicht Jude sei. In Elsaß-Lothringen berufe man ohne Unterschied der Konfession allein nach der Befähigung für das Amt. Hoffentlich wird dies künftig auch der Standpunkt anderer Behörden