Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1914-05-01
- Page
- 211 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316841-2316846--24580-2348675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
AmsHau- 211 wütigem Draufloshämmern erblicken." Diese Stellungnahme eines amtlichen Kreisblattes ist jedenfalls charakteristlsch für die politischen Kreise, die eben nicht „blindwütig" sind. Solchen blindwütigen Leistungen gegenüber sind die „Deutsche Tageszeitung" und der konservative „Reichsbote" viel nachsichtiger. Als der bisher der Deutschen Reformpartei ungehörige ReichsLagsabgeordnete Dr. Werner-Gießen am 24. März in den hohenzollernsälen in Charlottenburg einen „Iuöa Triumphator" betitelten Vortrag hielt, der mehr blinde Wut als Vernunft enthielt, widmete der fromme „Reichsbote" den widersinnigen Behauptungen des Redners einen spaltenlangen Bericht. Die Deutsche Tageszeitung" war vorsichtiger, aber sie rühmte in einer kurzen Notiz dem Redner nach, er habe das Thema in ausgezeichneter Weise behandelt und durch ein umfangreiches Tatsachenmaterial belegt. Das Wirken der neuen Partei scheine sich auf dem steinigen Boden der Großstadt vielversprechend zu gestalten. Was den beiden konservativen Blättern besonders gefallen zu haben scheint, dürfte die Kühnheit der Behauptungen des Vortragenden sein, die mit den tatsächlichen Verhältnissen im schroffsten Widerspruch stehen. Dr. Werner-Gießen sagte gleich im Gingang seiner Rede, Sombarts ßchrift „Die Juden und das Wirtschaftsleben" sei von der großen liberalen, von jüdischem Gelde gespeisten Presse totgeschwiegen worden. Daß die große liberale Presse von jüdischem Gelde gespeist wird, dessen sie bekanntlich nicht bedarf, hat noch niemand ernstlich behauptet, während die gegnerische Presse für ihren Anzeigenteil dem jüdischen Gelde der Banken und Warenhäuser gegenüber keiner: Widerwillen zeigt. Ebenso ist es hinreichend bekannt, daß die liberale Presse sich mit den Arbeiten Sombarts sogar sehr emsig beschäftigt hat und daß zu seinem buchhändlerischen Erfolge und dem seiner Vorträge die Juden sehr wesentlich 'beigetragen haben. Aehnliches läßt sich von dem „Kunstwart- Verlag" sagen, der mit der Aufnahme der Artikel des Dr. Moritz Goldstein und der gegnerischen Aeußerungen Aussehen erregte und gewiß keinen Grund hatte, sich über das „Totschweigen" zu beklagen. Mit dem Austritt des weit rechtsstehenden Abgeordneten tzestermann aus der Nationalliberalen Partei das Judentum in Verbindung zu bringen, das damit nicht das Geringste zu schaffen hat, war ebenso gewagt wie Werners Aeußerung über die Niederlage des Generals v. Liebert im sächsischen Wahlkreise Borna-Pegau, in dem es so gut wie gar keine Juden gibt. Bei der Wahlagitatton ist die auf das Konto des „politischen Generals" zu schreibende Aeußerung v. Lieberts, der die Juden als „Fremdkörper" im deutschen Volke zu bezeichnen gewagt hatte, gar nicht zur Sprache gekommen;