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Im deutschen Reich · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. 200

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
20 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Article
An die jüdischen Akademiker
Date
1914-05-01
Page
200 (sequence 4)
Language
German
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200 Im deutschen Reich. Gelegenheit der geistigen Anregung und Weiterbildung oft nicht gut bestellt ist, aber unmöglich ist sie auch in diesen Orten nicht. Selbst in kleinen Städten sind oft geistig sehr rege, allgemein interessierte Akademiker zu finden, dir mit den neuesten Errungenschaften der Wissenschaft wohl vertraut sind. Ls gibt fast überall Fachvereine und Möglichkeiten, sich weiter zu bilden, wenn man auch für die Betätigung seiner sonstigen geistigen Interessen nicht den gleichen günstigen Boden findet. Dafür sind aber die Berufe in den Provinzstädten bei weitem nicht so überfüllt, die Bevölkerung selbst bevorzugt oft den jüdischen Arzt oder Anwalt, und darum sind die Aussichten auf eine gute Existenz und soziale Position mit ziemlicher Sicherheit gewährleistet. Als ich vor mehreren Jahren einen jüdischen Anwalt für eine norddeutsche Stadt von ca. 15 000 Einwohnern suchte — gefunden habe ich nebenbei gesagt keinen —, trat ich mit einem jungen Anwalt aus Berlin in Verbindung, der, wie er mir selbst zugestand, wohl eine Kanzlei aber keine Klienten hatte. Er erkundigte sich vornehmlich nach zwei -Dingen: 1. nach den beruflichen Aussichten, und 2. nach dem gesellschaftlichen Verkehr, mit dem er zu rechnen haben wird. Die Aussichten in der Anwaltspraris konnte ich ihm wahrheitsgemäß als außerordentlich günstig schildern. Auf die zweite Frage mußte ich ihm ebenso wahrheitsgemäß antworten, daß er mehr -aus jüd'slen als auf nichtjüdischen Verkehr angewiesen sein werde. Damit waren die Verhandlungen von seiner Seite abgebrochen. Er schrieb mir nur, er wolle es noch ein Jahr in Berlin versuchen. Ausschlaggebend war für ihn der voraussichtliche Mangel an geeignetem christlichen Verkehr, und damit komme ich zum Hauptpunkt meiner Ausführungen. Die meisten jüdischen Akademiker in den Klein- und Mittelstädten schielen ständig nach den christlichen Kreisen. Die Juden passen ihnen nicht zum gesellschaftlichen Verkehr, es müssen die vornehmen Christen sein, und damit setzen sie sich zwischen zwei Stühle. Die jüdischen Kreise meiden sie und zu den christlichen gewinnen sie oft keine Beziehungen. Unter solchen Umständen können sie allerdings in den Provinzstädten sich nicht wohl fühlen und auch nicht festen Fuß fassen. Und wie ist es in den Großstädten? Da ist ihr Verkehr .gewiß nicht „erstklassig", da sind sie froh, mit den jüdischen Kreisen verkehren zu können, die sie in der Provinz von oben herab behandeln. Wir sehen es ja nur zu gut, wie es manche Herren in den kleineren Städten treiben. Ihr Hauptstreben ist auf den Verkehr in den christlichen Kreisen gerichtet, sie nehmen an Weihnachtsfeiern teil, aber in der Synagoge lassen sie sich nur einhöchstens zweimal im Fahr für 1 bis Iv'o Stunden sehen — aus Rücksicht aus die jüdische Kundschaft. Solche jüdische Akademiker meine ich nicht, die

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