Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- An die jüdischen Akademiker
- Date
- 1914-05-01
- Page
- 199 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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An die jüdischen Akademiker. 199 Wollen auch noch nach ihrer Niederlassung ihre Studien fortsetzen, sie wollen sich beruflich weiter bilden, und dazu bedürfen sie der Institute und Hilfsmittel, die ihnen die Großstadt in so reichem Maße bietet. Mer wollte den Idealismus nicht anerkennen, der dieser Anschauung zugrunde liegt? Auf alle Fälle bleiben die jungen Akademiker, die nach des Examensnöten dem praktischen Beruf sich zuwenden, in der Großstadt und gehen dort auf die Suche nach einem geeigneten Plätzchen zur Niederlassung. Wie stellt sich aber dann die rauhe Wirklichkeit dar? Die Berufe sind derart überfüllt, daß das Angebot die Nachfrage weit übersteigt. Wer nicht von Hause, aus so gestellt ist, daß er für Jahre hinaus versorgt ist, 'muß bald die trübe Erfahrung machen, wie unendlich schwer es ist, sein Brot zu verdienen. -Verwandte und Freunde, Geselligkeit und Gesellschaft können ihm das grinsende Gespenst des andauernd leeren Wartezimmers nicht verscheuchen. So kommt es, daß junge Aerzte in Abhängigkeit geraten, daß sie Stellungen annehmen, die ihrem Bildungsgrade nicht entsprechen, nur um ba§ trockene Brot zu haben. Ls ist ja auch ein. offenes Geheimnis, daß eine Reihe von jungen Aerzten besonders in Berlin Unterstützung annehmrn muß, um nicht dem Hunger preisgegeben zu sein. Die Verhältnisse liegen bei den Rechtsanwälten nicht viel besser. Völlig schweigen wollen wir von den Chemikern und Ingenieuren, die ja von den meisten großen Gesellschaften überhaupt nicht mehr angestellt werden und die um billiges Geld sich anbieten, um nur ein Unterkommen zu finden. Jahrelang dauert es, bis die jungen jüdischen Akademiker in der Praxis auf einen grünen Zweig kommen, und inzwischen haben sie ihren Idealismus und ihren Bildungsdurst zum größten Teil eingebüßt und sind froh, wenn sie allen Versuchungen zum Trotz unversehrt an Charakter und Ehre aus diesen Kämpfen hervorgehen. Freilich eine Hoffnung winkt ihnen, wenn sie sich in der Großstadt niederlassen — die Aussicht aus eine wohlhabende Heirat. Ich will die jungen Leute darum gewiß nicht als Materialisten schlimmster Art hinstellen, zumal der Gedanke, durch eine günstige Heirat in gesicherte Lebensverhältnisse zu gelangen, in den entsprechenden Kreisen unserer christlichen Mitbürger nicht weniger vertreten ist, aber die Tatsache, daß dieser Gedanke für das Verbleiben unserer jungen Akademiker in der Großstadt mitbestimmend ist, mußte hervorgehoben werden. Sie verrechnen sich auch meist nicht; denn daß die reichen jungen Damen dem Zuge ihres Herzens gern nach der Großstadt folgen, ist ja ebenfalls allgemein bekannt. Wie liegen nun die Dinge in den Klein- und 'Mittelstädten? (Ich meine immer nur Städte von mehr als 10 000 Einwohnern.) Es sei ohne weiteres zugestanden, daß es mit der