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Im deutschen Reich · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. 198

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
20 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Article
An die jüdischen Akademiker
Date
1914-05-01
Page
198 (sequence 2)
Language
German
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19S Fm deutschen Reich- und sittlich einen Schaden bedeutet, wird von allen zugestanden. Unter denen, welche in die großen Zentren strömen, ist die Zahl der Juden prozentual sehr groß. An Gründen hierfür ist kein Mangel, und doch bleibt die Tatsache an sich beklagenswert. Jüdische Gemeinden, in denen noch vor nicht langer Zeit reges jüdisches Leben herrschte, sind der tüchtigsten und steuerkräftigsten Mitglieder beraubt, sinken zur Bedeutungslosigkeit herab, um allmählich aus der Reihe der jüdischen Gemeinwesen gänzlich! zu verschwinden. Gar oft werden die Fortziehenden der Undankbarkeit bezichtigt. Sie verlassen die Orte, so sagt man, in denen ihre Familien zu Wohlstand und Ansehen gelangt sind. Um Vermögen zu erwerben, war ihnen die Kleinstadt gut genug; doch um hie Zinsen ihrer Kapitalien in Ruhe und Muße zu genießen, dazu genügt der Heimatsort nicht, da muß es die Großstadt sein. Verschwiegen soll nicht sein, daß ein berechtigter Kern in solchen Worten liegt. Und doch ist die Uebersirbelung für die neuen Eroßstadtbewohner auch nicht immer ersprießlich Es fehlt ihnen oft die Möglichkeit, sich praktisch so zu betätigen, wie sie es gewohnt sind. In ihrem Heimatsort konnten sie sich als tätige Mitglieder ihrer Gemeinde bewähren; sie nahmen an den Arbeiten der Gemeinde oft an hervorragender Stelle regsten Anteil und haben auch vielfach über den Kreis der Gemeinde hinaus eine reiche kommunalpolitische Tätigkeit entfaltet. In der Großstadt dagegen verschwinden sie in der Masse, da kennt sie niemand außer ihrem Verwandten- und Freundeskreise, und niemand weiß ihre Kräfte und Fähigkeiten zu schätzen. Sie könnten dort einen großen Verein ehemaliger "Gemeindevorstände bilden — nur schade, sie finden keine Gelegenheit mehr, ihre Erfahrungen zu verwerten und fruchtbar zu machen. Schon mancher von ihnen hat den Wegzug aus seinem Heimatsort bereut, wenn er es auch sich und den anderen nicht eingestehen will, und wenn er sich nicht schämte — so hätte er schon ftmgft wieder die Großstadt verlassen, um nach seiner lieben Provinzstadt zurückzukehren. ' Ganz anders liegen die Verhältnisse bei den jüdischen Akademikern. Richt aus gesicherter Position heraus, in reifem Alter, ziehen sie in die Großstadt — wo dies der Fall ist, da trifft das soeben Ausgeführte auch auf sie zu — nein, sie haben ihre Studienzeit meist in großen Universitätsstädten zugebracht; das Leben und Treiben dort behagte ihnen und läßt sie nicht mehr los. Ihnen sind die Verhältnisse der Kleinstadt zu eng geworden, sie fürchten die Fesseln, die ihrer Individualität dort angelegt werden, und darum lassen sie sich in der Großstadt nieder. Viele wiederum geben der Großstadt den Vorzug, weil sie in den Provinzstädten die geistigen Anregungen vermissen, deren sie bedürfen und deren sie nicht mehr entraten können. Sie

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