Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Chamberlains "Goethe" und das Judentum
- Date
- 1913-11-01
- Page
- 495 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2316602-2316829-2316839-2347768--23993-2347829- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ehambcrlains „Goethe" und das Judentum, 495 sollt nicht stehlen!" Es ist hierbei ganz gleich, ob man einen Juden oder einen Nichtjuden, einen Erwachsenen oder «in Kind bestiehlt oder beraubt. Man darf weder einem Juden noch einem Nichtjuden das Geringste vorenthalten (§ 359 das.). Wer Steuern hinterzieht, Übertritt das Verbot von Lev. 19,11, gleichviel ob diese Steuern von einer jüdischen oder nichtjüdischen Behörde erhoben werden (§ 369 das.). * * * Ilebrigens scheint Chamberlain mehr vom.Zudenhasse als von Goetheverehrung geleitet zu sein. Bereits Richard Meßleny, der Genfer Literaturhistoriker, hat in Nr. 7 der „Grenzboten" festgestellt, daß das achthunderteurundfünfzig Seiten starke Buch Chamberlains den Titel „Goethe" mit Unrecht trägt; „denn zu einem Drittel ist dies Werk eine Streitschrift über Rassenpolitik, Rassenhygiene, Rassenwertung unter dem Gesichts- .punkt monomaner Iudäophobie. Derselbe Chamberlain, der sich anheischig macht, die Ereignisse in Goethes Leben als historisch und organisch notwendig darzutun, verliert sofort den leitenden Gedanken, sowie er auf Spinozas Einfluß auf Goethe zu reden sich anschickt, und statt auch hier wie bei.der gewiß weniger wichtigen Freundschaft Goethes zu Heinrich Meyer die Notwendigkeit zu erklären, hebt er die Hände gen Himmel und klagt das Unglück an: „Das unglückliche Scheinverhältnis zu Spinoza, in das ihn der in philosophischen Dingen so unzureichende Herder hineingelockt hatte, wäre in einer einzigen Stunde bescheiden vertrauensvollen Hörens auf Iacobi in Nichts zerronnen." Man denke, Facobi hätte Goethe von Spinoza erlösen sollen, der in überschwenglichem Spinozakult ausgerufen hat: „Sei du mir gesegnet, großer, ja heiliger Benedikt. Wenn du auch über die Natur des höchsten Wesens dich verirren mochtest, seine Weisheit war in deiner Seele, und seine Liebe war dein Leben." Zudem hat Goethe, ohne Widerspruch zu erfahren, zu seinem Freunde Iacobi geäußert: „Spinoza beweist nicht das Dasein Gottes, sondern das Dasein ist schon Gott. Und wenn andre ihn einen atheum nennen, möchte ich ihn einen tlicis^imuin nennen!" Chamberlain findet Zeit, gegen die Goetheforscher mit großer Leidenschaftlichkeit und heftigen Kriegsgebärden vom Leder zu ziehen und seine hiebe durch schimpfende Kraftausdrücke gegen untadelige Wahrheitssucher zu unterstützen. — Hermann Grimm lästert er als „schalsten und eitelsten Schwätzer", S. 752, ihn, der eines der kongenialsten Goethebücher geschrieben hat — derselbe Chamberlain erwähnt aber mit keinem Worte, welche begeisterte Verehrung unser Dichter für das Alte Testament gehegt hat. Um die Bibel im Grundtexte zu studieren, hat er hebräisch gelernt, obgleich ihm das Studium dieser Sprache sauer genug geworden ist. Sein ganzes Leben hat er sich mit der Ab»