Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Chamberlains "Goethe" und das Judentum
- Date
- 1913-11-01
- Page
- 496 (sequence 5)
- Language
- German
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496 Im deutschen Reich. sicht getragen, die Gestalt des Nioses zum Mittelpunkt eines Epos zu machen. Der Plan ist nie ausgeführt worden. Wohl aber hat der Faust des zweiten Teils Züge der Mosesgestalt aufzuweisen, und das Vorspiel dieser Dichtung ist durch das Lingangskapitcl des biblischen Hiob beeinflußt. * * * Aber hat Goethe nicht. gesagt, was auch Chamberlain anführt: „Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Propheten tausendmal vorgeworfen haben?" Auch Chamberlain nimmt in seinen „Gnuidlagen", wie hier Goethe, die Propheten wörtlich. Er meint, daß die Juden sehr schlecht gewesen sein müssen, oder „die Propheten hatten sehr stark übertrieben," S. 273. Aber liegt es nicht näher, gerade umgekehrt zu schließen: Diese Inden müssen einen liefen, sittlichen Ernst gehabt haben — Lazarus nennt sie das klassische Volk der Selbstkritik, da dies Volk in seinem Nationalarchiv den Männern einen Ehrenplatz einräumt» die es in übertriebener Weise getadelt haben? Aber sei hem, wie ihm wolle. Chamberlain läßt bezeichnenderweise weg, tvas Goethe in der Fortsetzung seines Zitates aus dem 2. Kap. des 2. Pitches der Manderjahre weiter über die Juden sagt: „An Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit, und wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähigkeit sucht cs seinesgleichen. Es -ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war und cs wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu verherrlichen." * * « Freilich, wer wie Chamberlain das Judentum, die Religion des sittlichen Eingottglanbens, diese klassische Religion des Geistes, für materialistischen Aberglauben, S. 310 seines „Goethe" ausschreit und dem Judentum „in seinem nur auf das Zeitliche, Irdische und Augenblickliche gerichteten Sinn den Blick in die Weite" abspricht — und dabei ist der Messias- und Jenseitsglaube des Christentums jüdisches Erbe, — der kann den hier von Goethe an Israels Art gerühmten Idealismus, daß es sich ganz in den Dienst des Weltengottes gestellt habe, nicht wahr haben wollen, der sieht auch nicht wie stark die Weltdeutung des Juden Spinoza und. dadurch «in Stück jüdischer Weltanschauung sich Goethes bemächtigt hat. Ich glaube auch nicht, daß die eingeschworenen Judengegner sich durch ruhige Belehrung aufklären lassen; denn es ist hundertmal schon widerlegt, was der Haß zum hunderteinten Male wieder behauptet.