Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1913-11-01 · Heft 11 (November 1913) · p. 491

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
19 (1913)
Issue
Heft 11 (November 1913)
Article
Spott und Selbstverspottung
Date
1913-11-01
Page
491 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2316602-2316829-2316839-2347767--23987-2347825
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

£pott und Sclbstvcrspottnng. 491 Jude*) in einer Posse „Anser Perkehr" lächerlich gemacht und das „Mauscheln" in die Literatur eingeführt. Line verwüstende Wirkung ist davon ausgegangen. Die Karikatur — angelvandt vom Starken gegen den SHnnchcn — hat ihre intensivste Wirkung erreicht, wenn sie bei dem Schnxrcherr zu einer Selbstkarikatur, zu einer Selbstverspottung geworden ist. Gustav Freytag**) spricht mit folgenden Worten über das Prager Ghetto im Feiertagsglanz: die Gemächer strahlen von modischem Glanz und duften von Pariser Parfüms, gebildete Herren und Frauleins führen in allermodernsten Tableaus, die ein geistreicher „Schmock" zur Verspottung der eigenen Sekte ersonnen hat, die Geschichte vom „Ritter Schmock und Dame Schmöckeline" auf. Das wachsende Selbstbewußtsein hat natürlich in mannigfacher Beziehung auf dem Gebiete des Empfindungslebens eine Wendung zum Besseren geschaffen. Aber es gibt noch viel zu tun und zu lassen. Noch viel zu wenig werden diejenigen Theater und Darbietungen, die eine bösartige Verspottung der Juden bringen, gemieden. Dies sollte zielbewußt zum Zwecke der Abwehr geschehen. Als im Jahre 1886 die freie Verbindung Viadrina zu Breslau als erste bewußt rein jüdische Verbindung gegründet wurde, die sich der antisemitischen Roheit entgegenwarf, da wurde den jungen Studenten aufs strengste das sog. „Iüdeln", dieser legere sich gehensassende Iargonton, auch im scherzhaften Verkehr untersagt, weil man darin eine gewisse Niveau- Herabdrückung sah. Ein christlicher Autor, der sich in einer jüdischen Zeitschrift mit Achtung über die jüdische Gemeinschaft auslreß, äußerte, daß ihm die jüdische Selbstverspottung stets ein völlig verständnisloses Seelenproblem gewesen sei. Es gibt aber eine Erklärung dafür, und das ist eine exzessive Freude am scharfen Witz. Es soll nicht geleugnet werden, daß sich nicht selten mit diesen Selbstverspottungen ein scharf geschliffener Witz verbindet. Er darf aber keine Entschuldigung für sich selbst bilden. Für diesen Witz muß in unseren Kreisen — und das gilt ganz besonders für Darbietungen in Vereins¬ und Familienkreisen — Kunst treten. *) cf.: Simchowlh, Dramaturg der Vereinigt. Theater zu Eöln. — Vortrag »Der Jude auf dem Theater" — eit. Israelit. Wochenschr. 21. Febr. 1913. ^Gustav Freytag: Erzählungen und Geschichten ozM schwerer Zeit Prosastücke aus demNachlatz, in Buchform veröffentlicht (Berkrg Walter Fiedler, Leipzig 1819-51.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.