Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Spott und Selbstverspottung
- Date
- 1913-11-01
- Page
- 490 (sequence 1)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. •m Spott und Selbstverspottung. Bon Dr, 'Alfred Goldschinidt - Berlin-Wilmersdorf. Ter Centralvcrein, der im Kampfe für die Rechte der deutschen Juden die Selbstachtung zu heben bemüht ist, hat seit geraumer Zeit versucht, die Seelen feinfühliger zu machen gegen den Aeberinut der vielen, die ihre „Stärke" inchahn und Spott gegen eine Minderheit erweisen zu dürfen glauben. Er ist im öffentlichen Bricfverkehr, in Erzeugnissen der Literatur und ähnlichem dem einzelnen tfalle nachgegangen, hat Acbelstäude abzustellen versucht und den gelegentlichen Vorwurf der „Schnüffelei" nicht gescheut. Es ist ein günstiges Zeichen der Zeit, daß die Erkenntnis des Nebels nicht auf eine einzige Organisation beschränlt ist. Auch die Großloge für Deutschland wirkt durch ihre Jugendschristen-Kommission im Sinne der Reinigung des öffentlichen Lebens auf literarischem Gebiete. Bus dem Auslande erfahren wir, daß die amerikanischen und die englischen Logen sich die Aufgabe stellen, die Indenkarikaturen in Literatur, Kunst, Presse auszumerzcn. Wie ich an anderer Stelle') ausgeführt habe, auf die ich mich diesmal stütze, handelt es sich bei diesem Vorgang um ein Moment von tiefer psychologischer Bedeutung. Im Völkerleben herrscht die Macht. Die Macht bildet sich das „Recht", das ihr genehm ist. Mit dem „Recht" des Stärkeren wird der Schwächere unterdrückt. Aber „Recht" soll wenigstens Recht scheinen: der Schwächere wird als der Minderwertige hingestcllt, der mit Recht unterdrückt scheint, und man tut alles, um ihn auch dazu zu machen,- man schließt ihn gegebenenfalls von der Kultur — höheren oder niedrigen Grades — aus und sagt dann, daß er zu höherer Gesittung oder auch nur zu bestimmten Anforderungen nicht reif sei. Nicht zu den letzten Mitteln, die der Starke in diesem Kampfe gegen den Schwachen anwendet, gehört der Hohn und die Verachtung. Die Starken werden nach ihren stärksten Exemplaren, die Schwachen nach ihren schwächsten beurteilt. Die Großen werden parodiert, die Kleinen kari kiert. Der Deutsche — das ist Bismarck; der Jude — das ist Schmock — in der Auffassung der Strohköpfe, die — noch gar nicht so weit zurückliegt. Dos Theater — Abbild des Lebens — spiegelt jeweils die Stellung der Juden im öffentlichen Leben wider. Im Mittelalter ist der Jude in den Passionsspielen ein Gegenstand des Abscheus, in den Schwänken die Zielscheibe des Hohnes und Spottes. Am Anfang des 19. Jahrhunderts wird der gebildete *) Bericht der Großloge für Deutschland VIII. Augustnummer 1913.