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Im deutschen Reich · 1913-11-01 · Heft 11 (November 1913) · p. 492

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
19 (1913)
Issue
Heft 11 (November 1913)
Article
Spott und Selbstverspottung
Date
1913-11-01
Page
492 (sequence 3)
Language
German
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492 Im deutschen Reich. Kunst hat vielleicht nicht eine so explosive Augenblicks- Wirkung wie der Witz, von dem wir sprechen, aber sie hat den Vorzug einer seelischen Reinigung und Läuterung, die nachhaltig wirkt, während der Witz der S e l b st v e r s p o t t u n g im Augenblick vielleicht auf viele Gemüter mehr wirkt, aber schließlich das Gefühl der Niedergedrücktheit nach sich zieht. Chamberlains „Goethe" und das Judentum. Bon Kreisrabbiner I)r. Beer m a n n , Insterburg. Chamberlain ist durch fein We!tanschaunngsblrch „Die Grundlage des 19. Jahrhunderts" als verwegener Cigenbrödler mit stark rnyftifchem Gefühlseinschlage wie als hetzwütiger Rassenschnüffler besonnenem Forschersinn bereits hinreichend verdächtig; seine Darbietungen wird man mit gebührender Zurückhaltung, ja mit Skepsis aufnehmen. Was an ihm groß und wertvoll ist, das sind seine kraftvollen künstlerischeil Tendenzen, hier wird ihn ernst nehmen, wer ihm Gefolgschaft auf wissenschaftlichem Gebiete versagt/ Weil aber Selbstbeschränkung seiner genialen Kraftnatur augenscheinlich nicht gemäß ist, so dilettiert er immer von neuem auf dem Felde gelehrter "Arbeit, für das ihm die Fähigkeit zu ruhiger, vorurteilsloser Prüfung und kritischer Sonderung und Sichtung völlig abgeht. Seine Wissenschaft ist beherrscht von Liebe und Haß. Neben Richard Wagner, dem er auch verwandtschaftlich nahesteht, und mit dem er nicht nur das gleiche Kunstwollen, sondern auch die impulsive Abneigung gegen den Iudengott gemeinsam hat, huldigt er dem Genius Goethes in grenzenloser Schwarmgeisterei. Ihm ist sein bei Bruckmann in München erschienenes, nach seinem starken Umfang schon äußerlich imposantes Buch: „Goethe" geweiht. Was man von den „Grundlagen" gesagt hat — und nicht nur in der „Iudenpresse" wurden solche Stimmen laut — darf auch von diesem neuesten Denkmale seines Bienenfleißes gelten: es ist ein doktrinäres, durch mannigfache Wiederholungen und ständige Hinweise auf gewisse Grundideen geradezu eintöniges Werk, über dessen literarische Unzulänglichkeit der gelehrte Aufputz, der oft ganz lose und äußerlich wie eine schlechte Art Ornamentik aufgetragen ,ist, nicht hinwegzutäuschen vermag. Chamberlain, der starke kunstsinnige und kunstselige Cigentöner, ist groß, wo er künstlerischem Schaffen feinfühlig nachgeht und mit intuitivem Blick und hingebungsvollem Nachempfinden Kunstwerke analysiert und interpretiert, er wird aber zu einem die Geister verwirrenden Irrlehrer, wo er sich an die gelehrte Kritik wagt. So ist auch sein „Goethe" ein schlechtes Buch, verschwommen und verwischt im Gedankengrundriß, unklar und vnlog'sch im Gedankenaufbau, verwirrt und verwahrlost in der

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