Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Die konservative Partei und die Juden
- Date
- 1913-11-01
- Page
- 486 (sequence 4)
- Language
- German
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486 Im deutschen Reich. als von echt deutscher Art rühmen konnte. Aehnliches Mißgeschick widerfuhr kürzlich der „Kreuzzeitung"; das vornehme, allem Demagogischen — sie sagt es ja selber — abholde Blatt wird es freilich leicht zu verwinden wissen. Es tadelte wieder einmal die deutscher Witzblätter, die taktlos genug seien, um die Balkanvölker als Hammesdiebe oder ähnlich zu bezeichnen; so etwas könne nur geschehen, weil die Redakteure Juden oder Ausländer seien; wie anders sei es doch in der Vergangenheit gewesen — gemeint war die Blütezeit des „Kladderadatsch". Es ist aber allgemein bekannt, daß. dieses Witzblatt damals von Löwenstein, Kalisch und Dohm geleitet und verfaßt wurde, die sämtlich aus jüdischen Familien stammten; dies wird auch der „Kreuzzeitung" nicht ganz unbekannt genasen sein. Schlimmer aber war, daß der antisemitische, also den Konservativen in dem hier in Frage stehenden Punkte geistesverwandte Abgeordnete Werner (Hersfeld) im Reichstag den König von Montenegro als König der Hammeldiebe bezeichnete. Was taten die Konservativen? IN der „Kreuzzeitung" fand ich kein Wort des Tadels, die „Post" und die „Deutsche Tageszeitung" drückten ihre Freude über deu gelungenen Witz aus, und der Abgeordnete Dr. Oertel bedauerte, daß ihn der vom Präsidenten erteilte Ordnungsruf an einer Wiederholung des Scherzes hinderte! Rechtfertigt nun etwa die sogenannte Macht der Juden das antisemitische Programm der Konservativen? Wir könnten darüber nur lächeln. Freilich wenn sie bei unserm ftatfcr Geisteskraft unb Weite des Blicks so gering einschätzten, daß sie in ihm einen Helfer in allen ihren antisemitischen Bestrebungen erwarteten, so mag es für sie eine Enttäuschung bedeutet haben, daß der Kaiser etwa ein Dutzend meist durch Reichtum und immer durch eine hervorragende Stellung im wirtschaftlichen oder geistigen Leben des deutschen Volkes ausgezeichneter Männer jüdischen Glaubens seines Umganges würdigte, neuerdings auch eine mit Cadiner Kacheln auszuftattende Synagoge besucht hat. Wir aber, die wir heute wie vor 25 Jahren vergeblich darum ringen, daß der Staat uns gegenüber das Gebot der Gerechtigkeit erfülle — nicht aus dem äußerlichen Grund, daß uns die Verfassung Gerechtigkeit verbürgt, sondern aus dem innerlichen, der zu den Bestimmungen der Verfassung erst geführt hat, daß bei dem Stande der gegenwärtigen Kultur eine Zurücksetzung so unwürdig und beschämend für den herrschenden wie unerträglich für den zurückgesetzten Bevölkerungsteil wäre —. wir wissen uns sehr frei von dem Bewußtsein einer Machtfülle, die uns mit plumper Berechnung immer wieder angedichtet wird, obwohl wir sie zu erstreben weder Recht noch Neigung haben. Das Symbol der Zurücksetzung ist bekanntlich die Ausschließung der Juden aus dem preußischen Osfizierstande. Wie immer stehen die Konservativen, und zwar