Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Gegner des Gleichberechtigungskampfes
- Date
- 1913-10-01
- Page
- 455 (sequence 7)
- Language
- German
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Gegner des GleichberechLigungskampfcs. 455 Gleichberechtigung gering einzuschatzen oder gar als einen Schaden für das Judentum zu betrachten! Daß aber ein Unterlassen dieses Kampfes um das Recht die Religion, die man dadurch zu. schützen wähnt, geradezu gefährdet, zeigt ein Blick auf die politische Lage und eine kurze Ileberlegung. Denn die Freiheit der Religion und Religionsübung ist nur auf der Grundlage völliger bürgerlicher Gleichberechtigung wirklich dauernd gesichert. Es gibt gewiß unter den politischen Parteien gegenwärtig keine, die die Religionsfreiheit der Juden antasten will, aber es muß doch stutzig machen, daß jene Fraktionen, die im Gegensatz zu den politisch liberalen Juden die „guten" religiösen Juden loben und ihrer Hochachtung versichern, gerade dieselben sind, die in anderen Ländern, wie Oesterreich, die Hochburgen des Judenhasses darstellen, und uns am liebsten die bereits errungenen Rechte wieder nehmen möchten. Auch die Gewissensfreiheit ist im letzten Grunde eine Machtfrage, sie kann uns Juden leicht geraubt werden, wenn wir nicht gleiches bürgerliches Recht im Staate besitzen, nicht die Macht haben, dieses Gut zu verteidigen. Ansere religiöse Freiheit darf kein Gnadengeschenk sein, denn die Zeiten können sich ändern, und religiöse Intoleranz würde bei veränderter politischer Lage eine solche Gabe kurzerhand wieder nehmen, sondern der Anspruch auf religiöse Freiheit muß auf ein Recht gegründet sein. Darum verbürgt die Erringung der bürgerlichen Gleichberechtigung allein, die dauernde religiöse Freiheit! Die zweite Gruppe von Gegnern unserer Tendenzen, zu der ein erheblicher Teil der Nationaljuden gehört, hat gegen den Gleichberechtigungsgedanken an sich wenig einzuwenden. Gewiß schimmert aus manchen Aeußerungen auch dieser Kreise zuweilen eine gewisse Befürchtung hindurch, daß eine völlige Gleichberechtigung eines Teiles der Iudenheit diesen der Assimilation und Auflösung zuführen könnte? Da aber gerade diese Gruppe im freien Menschen den aufrechten Charakter erwecken will, der alles Knechtische in sich ertötet hat, kann sie sich gegen das Gleichberechtigungsideal selber nicht direkt wenden. Dafür greift sie aber den Weg an, den der Centralverein geht. Sie halt das Maß der aufgewendeten Arbeit für ein viel zu großes, besonders wenn man es mit den Bemühungen vergleicht, die auf das Erreichen anderer, -angeblich wichtigerer jüdischer Ziele gerichtet werden,- sie halt es für falsch, daß wir unser Augenmerk auf jede Kleinigkeit richten, sie. tadelt es, wenn der Kamps um die Gleichberechtigung in den Mittelpunkt des Strebens gestellt wird, und sie spricht ihm in vielen Beziehungen überhaupt den positiven jüdischen Charakter