Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Bevölkerungsfragen und Innenkolonisation
- Date
- 1913-10-01
- Page
- 446 (sequence 4)
- Language
- German
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446 Im deutschen Reich. Kräften, verloren für die Zunahme der deutschen Iudenheit jede Bedeutung. Der ursprünglich reiche (Geburtenüberschuß schwand immer mehr und hat sich schon seit einer Reihe von Jahren in ein Defizit verwandelt, weil die Sterblichkeit die Geburtenzahl übersteigt. Die mannigfachen und tiefgreifenden Wirkungen der Einwanderung in die Städte in wirtschaftlicher Hinsicht lassen sich hier kaum audeuten. Es hat sich infolge des starken und unvermindert andauernden Zuzugs in die Städte die Lage der jüdischen Bevölkerung im Verhältnis zu den früheren Jahrzehnten ungünstiger gestaltet, mag auch dem oberflächlichen Beobachter das Gegenteil der Fall zu sein scheinen. Wohl sind zahlreiche Familien zu Reichtum gekommen. ihnen steht aber die große Masse der unselbständigen Existenzen gegenüber,- das akademische Proletariat, das man früher nicht kannte, ist heute eine Tatsache. Auch die alteingesessenen Familien sind durch die starke Konkurrenz, welche das Eindringen der zugewanderten Elemente in die gewerblichen Berufe mit sich brachte — von dem Wirtschaftskampfe, der durch das Entstehen der nichtjüdischen Konkurrenz immer schärfere Formen annimmt, ganz zu schweigen —, in Mitleidenschaft gezogen worden. Aus dem großen Amwalzungsprozeß, der in dem wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Leben der jüdischen Massen durch die Wanderungen vor sich ging, sind jene Verhältnisse geboren worden, die wir heute bei einem großen Teil der deutschen Iudenheit vor uns sehen, das hinaufgerückte Heiratsalter, die Erschwerung, ja vielfach die Unmöglichkeit der Selbständigmachung, die freiwillige Beschränkung der Geburtenzahl, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Religionsgesehe, und als deren Folge die Vermischung mit der nichtjüdischen Umgebung durch Mischehen und Taufen. Endlich ein drittes psychologisches Moment: die Wanderung wirkt nach in der seelischen Verfassung der jüdischen Bevölkerung, und das durch sie erzeugte Gefühl der Unstetigkeit und Unsicherheit hält den einzelnen ab von der Gründung einer Familie und der Schaffung einer Nachkommenschaft. In das Großstadtmilieu werden aber auch die Ausländer hineingezogen, die zudem ständig wegen drohender Ausweisung auf dem „Quivive" sind. Zweifellos verstärken die Ausländer die absolute Zahl der jüdischen Bevölkerung und erhöhen auch ihre Geburtenziffer, aber rasch genug assimilieren sie sich den neuen Verhältnissen, und schon die erste hier geborene Generation trägt die typischen Züge der hiesigen Bevölkerung. Es wird jetzt dem Leser verständlich sein, weshalb wir die Wanderfrage als die wichtigste in der Entwicklung der jüdischen Bevölkerung bezeichnet haben, und er wird nunmehr folgende Zahlen, welche die Hauptergebnisse der Bevölkerungs-