Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Wirtschaftlicher Zweckverband für die Juden der Ostmark
- Date
- 1913-10-01
- Page
- 438 (sequence 6)
- Language
- German
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438 Im deutschen.Reich. Frau aus der Großstadt doch unmöglich verkehren. ST-v.** ift die Folge? Die Großstadtdame liegt ihrem Manne lang: in den Ohren, sie weiß ihm die Möglichkeit eines größeren Verdienstes in der Großstadt in seinem Berufe so verlockend zu schildern, daß er sein kleines Geschäft, das ihn zwar nicht zum reichen Manne gemacht, ihn aber anständig ernährt hat, aufgibt und mit seinem bescheidenen Vermögen nach Berlin abwandert. And das Ende? Schon nach kurzer Zeit muß er erfahren, daß seine bescheidenen Mittel selbst für eine bescheidene Existenz in der Großstadt nicht ausreichen; schnell sind die Mittel aufgezehrt, und er, der in seiner Heimat eine relativ ansehnliche soziale Stellung inne hatte, wird.jetzt - Almosenempfanger der Berliner Jüdischen Wohlfahrtszentrale! — Sind das Phantasiebilder, die ich hier zeichne, oder wird mir jeder Kenner der ostmärkischen Verhältnisse nicht bestätigen, daß diese Falle typisch sind, und daß dort, wo die Abwanderung erst auf wenige Fälle beschränkt war, sie bald zur Abwanderungssucht wird, die immer mehr und mehr Familien ergreift? — Ich habe bereits bemerkt, daß^ein Wirtschaftsverband diese persönlichen Ursachen der Abwanderung nicht aufhalten, aber doch mittelbar darauf einwirken kann, wie sich sogleich zeigen wird. Wir haben zu den Ursachen der Abwanderung auch wirtschaftliche Gründe gezahlt, die aus der eigenartigen Stellung der Juden zu den politischen und nationalen Kämpfen in der Ostmark zu erklären sind. Die politischen und nationalen Kämpfe sind bekanntlich nirgends so heftig wie in der Ostmark, und leider haben meist die Juden die Kosten der Kämpfe zu tragen, was gleichfalls bekannt ist. Es gehört eine außerordentliche Gewandtheit und ein feiner politischer Sinn dazu, den politischen Angriffen, den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schädigungen von rechts und links, d. i. von deutscher und polnischer Seite standzuhalten. Wahrlich, da draußen im Reiche, in den jüdischen Großgemeinden, außerhalb der Ostmark, hat man keine Ahnung, welche Helden hier auf verlorenen Posten für ihre religiöse und politische Ueberzeugung, für ihre wirtschaftliche Existenz täglich, ja stündlich kämpfen, wie dieser ständige Kampf die Nerven zerrüttet (Jüdische Nervosität), welche ungeheure körperliche und geistige Arbeitsleistung dieser ständige Quivive-Zustand von unseren Glaubensgenossen fordert! Wie tapfer sie diese Kämpfe führen, wie sehr sie sich auch die Anerkennung der Provinzialbehördcn und. der besten christlichen Kreise erworben haben, das beweist die Fülle von Ehrenämtern, die ihnen gerade von diesen Kreisen übertragen werden. Unsere Provinz Posen, die gegenwärtig etwas über 20 000 Juden zählt, hat vier jüdische Landtags^ abgeordnete, einige jüdische Provinzial- und Kreislags-Abge^ ordnete, eine ganze Anzahl jüdischer Magistratsmitglieded unH