Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Wirtschaftlicher Zweckverband für die Juden der Ostmark
- Date
- 1913-10-01
- Page
- 437 (sequence 5)
- Language
- German
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Wirtschaftlicher Zweckverband für die Juden der Ostmark. 437 führten, und dessen Gestaltung wir in nachstehendem skizzieren wollen. ill. Zn den Ursachen der allgemeinen Abwanderung treten für dic jüdische Abwanderung noch hinzu: wirtschaftliche Ursachen, die aus der eigenartigen Stellung der Juden zu den politischen und nationalen Kämpfen in der Ostmark zu erklären sind und persönliche. Untersuchen wir zunächst die Gründe persönlicher Natur, auf deren Abstellung der geplante wirtschaftliche Zweckverband — wie spater nachgewiesen werden soll — nur mittelbar wirken kann. Da besteht in irgend einem kleinett Städtchen Posens eine alte Getreidefirma, deren Inhaber sich durch Fleiß, Geschäftstüchtigkeit und Sparsamkeit zu einem wohlhabenden Manne cmporgearbeitet hat. Er hat zwei Söhne, über die er in väterlicher Liebe bestimmt: Meine .Kinder sollen es einmal besser haben, als ich es hatte. Demgemäß muß der eine Sohn studieren, der andere in eine Großfirma von Futter- und Düngemitteln in Hamburg, Berlin, Breslau oder Posen eintreten, um dort die Branche gründlich und im Großbetriebe kennen zu lernen. Die Ausbildungskosten des „Studierten" verschlingen einen tüchtigen Batzen Geld, und in neun Fällen von zehn muß der Vater noch viele Jahre den jungen Rechtsanwalt oder „Doktor" unterstützen, ehe er bei der Ueberfüllung gerade in diesen Berufen festen Fuß gefaßt hat. Der zweite Sohn hat den Großbetrieb in seiner Branche kennen gelernt, und zieht es vor, sich in der Großstadt zu etablieren. Eine Tochter ist auch dort verheiratet, und nun bleiben die alten Eltern wie ein entlaubter Baum in der Kleinstadt zurück. Wer wird es ihnen verargen, wenn sie gleichfalls nach der Großstadt zu ihren Kindern abwandern? Und der Gemeinde ist ein kräftiger Steuerzahler, ein angesehenes Mitglied des Gemeindevorstandes oder der Reprasentantenversammlung, das vielleicht auch noch für einige jüdische Vereine innerhalb seiner Gemeinde das belebende Element, der Leiter und Führer gewesen ist, verloren! — Ein anderes Bild. Ein kleiner Händler hat eine Frau aus der Großstadt mit wenig Geld, aber desto höheren Ansprüchen geheiratet. Die Dame hat vielleicht eine sogenannte „höhere Töchterschule" besucht, sich eine gewisse Halbbildung angeeignet und erwartet nun, daß sie zunächst in die besseren Kreise eingeführt wird. Nun ist sie in ihren Erwartungen bitter enttäuscht, ihren Umgang bilden die Familien der Berufsgenossen ihres Mannes, brave, tüchtige, jüdische Hausfrauen, die ihren Männern fleißig im Berufe helfen, leider' aber nicht französisch parlieren können und weder Shakespeares „Hamlet", noch Hartlebens „Rosenmontag" kennen. Und mit so ungebildeten Leuten kann die