Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1913-09-01 · Heft 9 (September 1913) · p. 401

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
19 (1913)
Issue
Heft 9 (September 1913)
Article
I. Der deutsche Jude in der Armee
Date
1913-09-01
Page
401 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
100% known words query
IRI
…/2316602-2316829-2316837-2347568--23833-2347627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der deutsche Jude in der Armee. 401 nicht gesagt werden: „Eigentlich haben die Antisemiten recht; wir gehören gar nicht znr deutschen Nation." Wie der Kampf zu einem guten Ende geführt werden soll, wenn aus unseren eigenen Reihen uns diese Schwierigkeiten gemacht werden (sehr richtig!), das weiß, ich nicht. Es bedarf keiner Ausführung, daß diese haltlosen Behauptungen gewisse Gefahren für uns enthalten. Wir wollen uns den klaren Blick nicht trüben lassen; wir wissen, daß wir zur deutschen Kulturgemeinschaft gehören; zu -einer anderen können wir nicht gehören, weil wir eine andere Kultur als die deutsche überhaupt nicht besitzen. Wir wissen,daß wir erzogen worden sind in deutschem Sinne; wir wissen, daß aus uns eingewirkt hat die deutsche Dichtkunst, die Deutsche Kunst, die deutsche Literatur. Deutsch ist unsere Sprache, deutsch ist das Land, in dem wir und unsere Vorfahren seit langen Zeiten leben; ein anderes Land kennen wir als Heimat nicht; jetzt sage mir mal einer, wo soll ha ein anderes Nationalgefühl Herkommen! Wenn ich es nur einmal in einer Diskussion erreichen könnte, daß die Herren sich klar aussprechen wollten über das Wesen des Nationalgefühls. Ich weiß doch, warum der Franzose Franzose ist, und kann es ganz genau definieren, was ihn zum Franzosen macht: seine Kultur macht ihn zum Franzosen, seine Sprache macht ihn zum Franzosen, seine Erziehung macht ihn zum Franzosen. Ich weiß auch, warum ein Engländer Engländer ist, und ich weiß, warum ein Italiener Italiener ist. Das ist alles so einfach und schlicht und als selbstverständlich zu begründen. Und so weiß ich, warum ein Deutscher Deutscher ist, und ich weiß, auch, warum ein deutscher Jude Deutscher ist. Aber warum ein deutscher Jude eine jüdische Nationalität haben soll, die ich nicht kenne, das begreife ich nicht. (Stürmischer Beifall.) Nun wurde vorhin noch die Frage aufgeworfen, die durchaus berechtigt ist: wann Wirdes endlich e i n m a l a u d e r s werden? Fa, ein Prophet bin ich nicht. Wann es anders werden wird, das weiß, ich auch nicht. Aber verzweifeln dürfen wir ebenso wenig, zur Verzweiflung ist irgendein Anlaß nicht gegeben. Wir wollen doch auch immer und immer wieder darauf Hinweisen, daß man derartige Fragen nicht nur persönlich, sondern auch etwas historisch prüfen und beurteilen muß. Wie lange ist ^s denn her, seit der Emanzipiation der Juden? Wie lange ist es her, daß wir offiziell unser Recht bekamen? Hundert Jahre! und um wieviel sind wir vorwärts gekommen in diesen 100 Jahren! Vergegenwärtigen Sie sich die Lage und das Aussehen der jüdischen Gemeinschaft vor 100 Jahren, dann werden Sie mir recht geben, wenn ich sage: wir wollen nicht verzweifeln, sondern w i r wollen anerkennen, d a ß w i r doch ei n g u t e s Kein Anlaß zum Pessimismus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.