Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Article
- I. Der deutsche Jude in der Armee
- Date
- 1913-09-01
- Page
- 387 (sequence 3)
- Language
- German
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Der deutsche Jude in der Armee. 387 nachdem auch Aeberzeugungen sich gebildet hatten, die sich überhaupt nicht mehr mit dem Dogma eines religiösen Bekenntnisses deckten. Der Staat braucht alle seine Bürger, er braucht die Katholiken, er braucht die Protestanten, er braucht die Juden, er braucht auch diejenigen, die sich überhaupt zu keiner Religionsgemeinschaft mehr bekennen. Er erwartet von allen, daß sie treue Staatsbürger sind; er erhofft von allen nicht nur die getreue, sondern auch die freudige Erfüllung ihrer Pflichten; er braucht sie im Frieden, er braucht sie im Kriege; er kann auf die Dauer nicht existieren, wenn große Bestandteile seiner Einwohner dem Staatswesen selbst feindlich Zegenüberstehen. And so mußte der Staat dazu übergehen, zu erklären: was ihr denkt und was ihr glaubt in religiösen Dingen, ist Sache eures Gewissens; wir wollen euch keine Vorschriften machen; ihr sollt leben, wie eure Ueberzeugung und euer Gewissen es euch vorschreiben. Etwas anderes kam dazu: das war, daß der Gedanke der religiösen Toleranz Eingang gefunden hatte in die Herzen der Menschen. Die moderne Zeit begreift es nicht mehr, oder mindestens die verständigen Elemente begreifen es nicht mehr, daß. einer den anderen scheel ansieht wegen seines religiösen Bekenntnisses. Der einzelne mag ein treuer Sohn seiner Kirche sein; aber das weiß er, wenn er einigermaßen in unserer Zeit steht, daß das religiöse Bekenntnis den Wert des Menschen nicht ausmacht. Das begreift der Schlichteste, daß. es Gute und Schlechte in diesem und in jenem religiösen Bekenntnis gibt, und das begreift er, daß. es darauf ankommt, daß einer ein brauchbarer, tüchtiger und ehrenwerter Mensch ist, und daß er es im übrigen in religiösen Fragen halten könne, wie immer er will. Es kommt ja gelegentlich im Wahlkampf vor, daß religiöse Anschauungen gegeneinander ausgespielt werden. Aber ich habe immer die Beobachtung gemacht — und ich bin doch in Wahlkämpfen weit herumgekommen in deutschen Landen —, daß. dafür immer ein feines Verständnis in der Bevölkerung vorhanden war, daß. es nichts Verderblicheres und nichts Verächtlicheres gibt, als den religiösen Haß zu schüren und die religiösen Gegensätze zu verbreitern und zu vergrößern. Die Menschen wissen, daß. es ein Zufall der Geburt ist, ob man dem einen oder dem anderen Glauben angehört; ' sie wissen das auch, wenn es sich um den Gegensatz zwischen den beiden großen deutschen Religionsgemeinschaften handelt. Wenn wir so an einem schönen Tag durch unser deutsches Land hindurchwandern, sagen wir einmal, was mir am nächsten liegt, in Baden, da komme ich in einen Ort, der ist katholisch; ich gehe eine halbe Stunde weiter und komme in einen anderen Ort, der ist evangelisch. Da frage ich mich: warum sind jetzt die einen evangelisch und die anderen katholisch? Da schlage Religiöse Toleranz.