Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 8 (Juli 1913)
- Article
- 2. Erwiderung
- Date
- 1913-07-01
- Page
- 359 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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II. Erwiderung. 359 Ls hat Zeiten gegeben — sie sind noch nicht lange vorbei — da galten die Liberalen aller Schattierungen für Staats- und Reichsfeinde; sind sie das etwa noch? Ämter Bismarck war das Zentrum als staatsfeindlich von allen Regierungsparteien und Behörden gebrandmarkt und — nach Herrn Sachs — Wohl mit Recht, weil es ja gegen „die von Gott eingesetzte Obrigkeit" den heftigsten Kampf führte; hatte das Zentrum damals keine „positive" Religion? Der schlimmste Atheist, der je gelebt hat, war Preußens größter König, Friedrich II; war dieser Gründer der Großmacht Preußens nicht doch „staaLserhaltend"? Darum frage ich nochmals „ruhigen Herzens": was hat die ewige Sittlichkeitswerte voraussetzende und erstrebende Religion mit den immer im Flusse befindlichen Tagesfragen der Politik zu Lun, die heute das heilig preist, was vielleicht schon morgen als höchst volksschädlich und staatsfeindlich hingestellt wird? Glaubt Herr Sachs wirklich, daß z. B. der Bund der Landwirte nur deshalb konservativ, also „staatserhaltend" ist, weil seine Anschauungen „im positiven Christentum wurzeln"? Vielleicht ist die Zeit nicht allzufern, in der eine Regierung die Geschicke unseres Vaterlandes lenkt, welche im schärfsten Gegensätze zu den Konservativen steht: wird dann diese Partei noch „staaLserhaltend" im Sachsschen Sinne sein, oder befiehlt ihr dann „ihr positives Christentum", die neue Regierung zu stützen, zu verfluchen, was sie vorher gesegnet hat? Wir sollen durchaus den Anschluß nach rechts suchen, obwohl man uns dort doch gar nicht haben will. Run, über den Geschmack laßt sich nicht streiten — meinem Geschmack entspricht es jedenfalls nicht, mich dort einzudrängen, wo man mich meines Glaubens wegen nicht als gleichwertig achtet. Auch über das Maß der Schwierigkeiten, die dem entgegenstehen, kann man anderer Meinung sein als Herr Sachs, kann man z. B. den Worten der Parteiprogramme weniger Gewicht beilegen, da die Taten so ganz anders aussehen. Wenn aber Herr Sachs speziell auch auf die Reichspartei hinweist, so ist das jedenfalls jetzt recht abwegig, da ein hervorragendes Mitglied dieser Partei, Herr Generalleutnant von Lieöert, im Reichstage wieder den dauernden Ausschluß der Juden aus dem Offizierskorps fordert, weil sie „ein Fremdkörper" oder wie es nachträglich heißt, „fremde Elemente" seien. Wie sagt doch Gabriel Riesser so treffend schön: „Wer mir mein Vaterland abstreitet, gegen den wehre ich mich wie gegen einen Mörder; denn er will mir Luft, Licht und Leben nehmen!" Herr Sachs will sich nicht wehren; er will geduldig die Schläge hinnehmen, welche die zur Zeit „staatserhaltenden" Parteien gegen seine Menschen- und Vürgerwürde führen. Er hofft auf die Zukunft und „den sittlichen Ernst" der Führer jener Parteien. Gut, das hoffen wir auch, aber bis diese Hoffnung sich erfüllt, da wollen wir doch lieber nicht stillehalten und gehorsame, alles geduldig ertragende, immer hilfsbereite Knechte jener sein, sondern wir wollen als Männer für unser Recht kämpfen, wo und wie wir können, und wollen besonders bei den Wahlen an das alte, etwas drastische, aber so wahre Sprichwort denken: „Rur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber!" Damit verstoße ich sicherlich nicht gegen die Vorschriften unserer Religion, und wenn Herr Sachs mir das Tälmudwort zuruft: „Pete für das Wohl der Obrigkeit," so könnte ich ihm mit dem Bibelwort antworten: „Wan soll Gott mehr gehorchen, als den Menschen". Aber er versteht jenes Wort ganz falsch — fast