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Im deutschen Reich · 1913-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1913) · p. 262

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
19 (1913)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1913)
Article
Antisemitismus in der Schule
Date
1913-05-01
Page
262 (sequence 8)
Language
German
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262 Im deutschen Reich. gläubigen gegenüber unseren heiligsten Gefühlen verlangen. Mit Recht hat Joel einmal gegenüber Treitschke bemerkt, daß ein Rabbiner, der intolerant gegen andere Glaubensbekenntnisse wäre, sich in jeder Gemeinde Deutschlands unmöglich machen würde. Er hat das bemerkt, als Herr Treitschke es als anmaßende Einmischung der Juden. in innerreligiöse Angelegenheiten der Christen betrachtete, weil eine rheinische Synagogengemeinde sich darüber beschwerte, daß in einem eingeführten christlichen Religionsbuche die Juden als geistige Rachkommen des Brudermörders Kain bezeichnet wurden. Sie sehen, wir können uns in dieser Frage nicht nach dem Geschmack derer richten, die jede Verunglimpfung des Judentums als Resultat der objektiven Wissenschaft für sich in Anspruch nehmen, dagegen es uns verübeln, wenn wir es uns nicht ohne weiteres gefallen lassen, daß wir als Mörder bezeichnet werden, und wenn wir es nicht glauben wollen, daß diese Lehre ein notwendiger Bestandteil des christlichen Religionsunterrichts sei. M. H.! Ich glaube, daß von den Juden als Brudermördern nur selten in solcher Schroffheit die Rede ist; aber wir dürfen nicht die Äugen davor verschließen, daß dem christlichen Schüler schon in den ersten Schuljahren die Juden als diejenigen vorgeführt werden, die den Heiland der Welt getötet haben. Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, daß den Schülern und Schülerinnen die Juden als geistige Rachkommen der heuchlerischen, engherzigen, buchstabengläubigen) jedes höheren Gefühles unfähigen Pharisäer vorgeführt werden. Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, daß unsere angebliche Verblendung, die das Heil nicht zu schauen vermag, als Ursache unserer Leiden und Zurücksetzungen, unserer Minderwertigkeit mit mehr oder weniger Deutlichkeit den Schülern und Schülerinnen vorgeführt wird. Man wird uns hierauf entgegnen: Ja, das steht doch alles im Reuen Testament, und der christliche Religionsunterricht wird doch wohl berechtigt sein, auf die heilige Schrift zurückzugehen. Auch nur daran Anstoß zu nehmen, ist jüdische Anmaßung. Run, das Alte Testament ist ja a u ch den Christen heilig, und ich nehme an, daß seine Heiligkeit den christlichen Religionslehrer nicht hindern wird, zu seinen Schülern zu sagen: Die alttestamentlicheu Propheten waren mit glühendem Haß gegen Babylon erfüllt, und deshalb haben sie uns ein Zerrbild der babylonischen Kultur gegeben. Wir sind heute in der Lage, die Schriftdenkmäler der Babylonier selber zu befragen, und da zeigt sich, daß sie zwar dem Göchendienst ergeben waren, daß sie aber in der Baukunst, Rechtswissenschaft, Astronomie usw. die Lehrer der Menschheit wurden. M. H.: Was bei der Behandlung des Alten Testaments recht ist, das sollte bei der Behandlung des Reuen billig sein. Anbeschadet seines für die christliche Religion bedeutsamen, ja heiligen Inhalts müßte der Lehrer sagen: Die neutestamentlichen Schriftsteller waren mit Abneigung gegen das Judentum erfüllt, und deshalb haben sie uns kein objektives, sondern ein einseitiges, ungünstiges Bild von ihm gegeben. Wir sind aber heute iu der Lage, die Schriftdenkmäler der Pharisäer selbst zu befragen, und da zeigt sich, daß sie zwar von einer für unsere heutigen Begriffe Kleinlichen Buchstabengläubigkeit waren, daß sie aber von tiefer Frömmigkeit und Aeberzeugungstreue, die sie oft mit dem Tode besiegelt, von wahrhaft sittlicher Lebensauschauung beseelt waren. Wir wollen nicht vergessen, daß bei allem Gegensatz zum Judentum Jesus und Paulus aus dem Boden des Judentums erwachsen sind, und wir finden in den Aeußerungen der Pharisäer manche Parallele zum Reuen Testament.

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