Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1913)
- Article
- Antisemitismus in der Schule
- Date
- 1913-05-01
- Page
- 263 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Antisemitismus in der Schule. 263 M. H.! Ich glaube, daß wir von einer so objektiven Betrachtung des Judentums im christlichen Religionsunterricht noch weit entfernt sind, aber ich habe durch manche Unterredung mit christlichen Religionslehrern doch den Eindruck gewonnen, daß es anfängt, etwas besser zu werden. Die verdienstvolle Arbeit Ludwig Philippsons: „Haben die Juden wirklich Jesus gekreuzigt?", die Kritik, die Baeck und Perles an den Arbeiten von Harnack und Bousset geübt, und in denen sie das Judentum zur Zeit Christi in die rechte Beleuchtung gesetzt haben, die Arbeit von Eschelbacher über Judentum und Christentum und die Arbeiten anderer sind nicht ohne Wirkung geblieben. Hieraus, meine Herren, ergibt sich auch der WeL, den wir einzüschlagen haben, wenn wir nach dieser Richtung hin, bessern wollen. Ohne weiteres eine Korrektur des christlichen Religionsunterrichts zu heischen, wäre von uns Torheit. Wohl aber dürfen wir annehmen, daß wenn innerhalb der Sphäre freier, objektiv wissenschaftlicher Forschung ein anderes Bild vom Judentum sich durchsetzt, daß die christlich-theologische Wissenschaft und nachher ihr folgend auch der christliche Religionsunterricht nicht achtlos daran Vorbeigehen .können, und es wird der Eigenart hes Christentums wohl keinen Eintrag tun, ja es kann ihm nur fördersein, wenn es von der Mutterreligion ein besseres Bild geben kann als seither. Unsere Forderung lautet daher zum zweiten Male: Förderung der Wissenschaft über das Judentum. Das Licht der Wissenschaft wird und muß siegen über alle haltlosen, abergläubischen Vorurteile, die gerade hinsichtlich des Judentums in den Köpfen auch der sogenannten Gebildeten spuken. M. H.! Ich habe Ihnen viel Unerquickliches aus dem Schulleben mitteilen müssen. Vielleicht sagte sich schon der eine oder andere von ihnen: Steht es denn wirklich so schlimm um unsere deutschen Schulen? Sind es wirklich nur Brutstätten des Antisemitismus? Sind es nicht, wie wir glaubten, Stätten hoher Geisteskultur? Empfangen nicht unsere Kinder ihr Bestes in den Schulen? Schätzen sie nicht ihre Lehrer, wenn sie in jugendlichem Uebermut hier und da auch recht eigentümliche Formen der Anhänglichkeit an den Tag legen? Verkehren sie nicht vielfach kameradschaftlich mit Mitschülern und Mitschülerinnen? Kommt die Kluft zwischen ihnen nicht eigentlich erst, wenn sie die Schule verlassen haben? Ich bejahe alle diese Fragen, ich verkenne nicht die Vorzüge unserer deutschen Schulen. Ich sehe den guten Geist, der in ihnen waltet, den Geist ernsten Strebens, der Zucht und Ordnung. Aber gerade weil ich in unseren deutschen Schulen eine edle Verkörperung deutschen Geistes sehe, und weil ich selbst an solchen Schulen tätig bin, darum tut es mir in der Seele leid, daß dort auch der Geist der Finsternis umherschleicht und sich hier und da ans Licht wagt. Diesen bösen Geist wollen wir bannen helfen, den Geist des religiösen Hasses und des Rassenhasses aus der deutschen Schule, um unserer Kinder willen, um der Ehre unseres Vaterlandes willen. Mit einem Dankeswort an die Redner und die Erschienenen schloß der erste Vorsitzende des Centralvereins, Herr Iustizrat Dt. Horwitz, die von ihm unter allgemeiner Anerkennung geleitete, glänzend verlaufene Hauptversammlung vom 30. M ä r z dieses Jahres, an der 201 Vertreter und 4 Vertreterinnen der Landesverbände und Ortsgruppen aus allen Teilen Deutschlands teilgenommen haben.