Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1913)
- Article
- Antisemitismus in der Schule
- Date
- 1913-05-01
- Page
- 259 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Antisemitismus in der Schule. 259 Frage, wie erfüllen wir diese Forderung in der Praxis? Ich habe schon früher einmal den Vorschlag gemacht, der auch von Professor Goldstein-Darmstadt unabhängig von mir wiederholt wurde. Wir müssen dafür Sorge tragen, daß die besten wissenschaftlichen Werke über Juden und Judentum in die öffentlichen Bibliotheken, besonders auch in die Lehrerbibliotheken kommen. Ich betone die b e st e n und betone objektiv wissenschaftliche Werke. Alle die ad hoc verfaßten apologetischen Eintagsschriften kommen hierfür nicht in Betracht. Sonst merkt man die Absicht und wird nicht umgestimmt. Allerdings muß ich gestehen, daß wir Mangel an geeigneten wissenschaftlichen Werken haben, und daraus ergibt sich für uns eine Forderung, die ich nachher noch unterstreichen und wiederholen muß: Förderung der Wissenschaft des Judentums. Ein zweites Mittel, um aufklärend zu wirken, wäre das große Mittel unserer Zeit, die Presse. Nicht etwa, daß wir unsere Zeitschrift „Im Deutschen Reich" den Lehrern gratis und franko zustellen, sondern ein anderer Weg könnte beschritten werden. Wir müssen mehr Fühlung nehmen mit großen liberalen Organen, die bereit sind, das Judentum betreffende Fragen in sachlicher Weise zu behandeln. Eine solche Frage wäre beispielsweise: Weshalb wird die Zensur in jüdischer Religion in Preußen nicht in das Abiturient en-Zeugnis aufgenommen? Wir müssen dafür Sorge tragen, daß solche Zeitungen von Lehrern gehalten werden, indem wir vielleicht in Gemeinschaft mit der Leitung der großen liberalen Parteien darauf hinwirken, daß die betreffende Zeitung für einen sehr ermäßigten Preis an die Oberlehrer abgegeben Wird. Durch Literatur und Presse wollen wir die Lehrer und durch die Lehrer die Schüler für eine duldsame Weltanschauung und damit für eine vorurteilslose Beurteilung unserer selbst gewinnen. Aber außer dieser, ich möchte sagen ideologischen Beeinflussung, halte ich es auch für wichtig, daß die Lehrer Juden wirklich kennen lernen, und dies Problem würde am besten dadurch gelöst, daß in stärkerem Maße als bisher besonders geeignete jüdische Abiturienten statt Jura und Medizin Philologie oder Mathematik und Naturwissenschaften studieren. Ich bin überzeugt, daß überall da, wo sympathische und tüchtige jüdische Herren als Oberlehrer wirken, im Kollegium eine ganz andere Beurteilung der Juden Platz greift als da, wo man Iirden nicht kennt oder wo ungeeignete Elemente wirken, die der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb . sich dem Lehrfach gewidmet haben. Darum, meine ich, sollten wir nicht jedesmal den Abiturienten, die ausnahmsweise nicht Rechtsanwälte werden wollen, bange machen, sondern ihren moralischen Mut heben, zumal dann, wenn sie voraussichtlich einmal ihrem Stande und dem Judentum zur Zierde gereichen. Besonders wünschenswert wäre es, wenn diejenigen, die auch finanziell so gestellt sind, daß sie ein paar Jahre auf die Anstellung warten können, dem Oberlehrerstande sich zuwenden. Ich bin natürlich zumal bei der augenblicklichen ileberfüllung des Oberlehrerstandes, auf einen gewichtigen Einwand gefaßt: die Schulverwaltung stellt nur selten einen Juden als Oberlehrer an. Ich fühle auch durchaus nicht Neigung und Beruf in mir, den Verteidiger der Schulverwaltung zu machen, ich bin auch fest davon überzeugt, daß gegen die Schulverwaltung in dieser Hinsicht vieles einzuwenden ist. Aber ich muß doch auf folgende beachtenswerte Ziffern Hinweisen. Ich benutze das im November erschienene amtliche Material nach Kunze: Es gibt zurzeit in Preußen 93 jüdische Professoren und Oberlehrer, davon wirken 18 an jüdischen Anstalten. Es bleiben immer-